Montag, 12. Dezember 2011

Das liebe Opernpublikum

©Sarah-Maria
Heute sendet der WDR um 23:15h eine Opern-Reportage der etwas anderen Art. Denn im Fokus stehen diesmal die Rezipienten: das Opernpublikum. Und zu Wort kommen Sänger, Intendanten, Garderobieren, Logenschließer und Historiker in Form von Michael Walter, Simone Kermes, Elena Filipova, Nikolaus Bachler, Eckart Altenmüller, Gérard Mortier und Jörg Splett.

Ich denke jeder, der sich ab und an mal in der Oper blicken lässt, kann ein Lied von lästigen bis kuriosen Sitznachbarn singen.

Ich z.B. habe nicht schlecht gestaunt, als in der Berliner Staatsoper mitten in der Ouvertüre zur Traviata zwei Frauen neben mir anfingen in ihren Taschen zu kramen und kurz darauf je eine Flasche Bier hervorzogen, die sie dann mit einem lauten Plop öffneten und vor sich hinsüppelten.

Einen wahren Knüller haben sich auch ein Grüppchen Damen geleistet, die nachdem Rolando Villazon sein „Kuda kuda“ in der Lindenoper beendet hatte und seinen Bühnentot gestorben ist, aufgestanden und gegangen sind, weil es ja nun, nach ihren eigenen Angaben, nix mehr zu sehen gäbe.

Einen wahrlich großen Auftritt hatte auch ein äußerst charmanter Herr, der mich in der Staatsoper Hannover von meinem Platz verjagen wollte, mit der Begründung, dass dieser vorhin im Internet-Saalplan noch frei gewesen sei und ich ihn mir mit meinen jungen Jahren sicher nicht gekauft hätte und mich, genau wie er, doch auch nur vorschummeln wollen würde. Von Studi-Tickets an der Abendkasse hatte er offenbar bis dato noch nix gehört.

©Sarah-Maria
Auch immer wieder ein Erlebnis ist das stöhnende, schwitzende und nach dem Pausen-Alkohol ergo recht penetrant müffelnde Publikum in Bayreuth. Ich war bisher zwei Mal dort und in meinen insgesamt 4 Vorstellungen ist in zweien jemand in meiner näheren Nachbarschaft zusammengeklappt und musste raus aus der Holzsauna auf dem Hügel an die frische Luft gebracht werden. Als dann das Festspielhaus in diesem Sommer stolz auf der Facebookseite verkündete, dass die ehemals blauen und nun grauen Mädchen alle einen Erste-Hilfe-Kurs belegen müssen, bevor sie zur Kartenkontrolle entsendet werden, dachte ich: immerhin denken sie mit ;)

Den längsten Buh-Hagel habe ich 2009 in der Berliner Staatsoper nach der Premiere von Simon Boccanegra gesehen. Ich hab die „Inszenierung“ später als konzertant abgehakt und bin noch ein zweites Mal reingegangen. Und den aufgebrachtesten Buh-Rufer kann ich nach der Premiere von Samson und Dalila 2011 in der Deutschen Oper Berlin verorten. Der werte Herr war so empört (zunächst nur über die Regie, jedoch später als er sich warm gebuht hatte auch über den kompletten Rest) dass er sich nicht entscheiden konnte, ob er mit einem großen „Pah“ das Haus auf der Stelle verlassen soll oder bis zum letzten Vorhang alles niederbuhen soll - so dass er immer mal wieder ging, jedoch wenige Minuten später wieder auftauchte, um erneut in Aktion zu treten. Dabei hielt er sich stets am Geländer fest, um von dem Rückstoß seines Buh-Konzertes nicht umgeweht zu werden.

Der nervigste Promi neben dem ich je saß ist mit Abstand Alexandra Neldel, neben der ich zur Spielzeiteröffnung 2009 der Berliner Staatsoper im Tristan gelandet bin und die schon nach wenigen Minuten tödlich gelangweilt auf ihrem Handy rumgetippt hat.

Und das schrägste Gerücht, was ich je gehört habe ist, dass mal jemand vom Rang der Hamburgischen Staatsoper ins Parkett gekotzt haben soll. Seitdem schau ich immer ein wenig bang nach oben, wenn ich in Spuckweite sitze.

Was sind eure größten Publikumserlebnisse?

Kommentare:

  1. Ja, da kann ich auch ein Lied von singen: mal ganz abgesehen von den üblichen Störungen durch Husten und Reden während der Vorstellung, saß ich mal bei einem Liederabend mit Jonas Kaufmann neben einer Frau, die ein Armband mit vielen kleinen Glöckchen trug, die bei jeder ihrer Bewegungen anfingen zu klingeln. In der Pause bat ich die Dame darum das Armband doch bitte abzunehmen - woraufhin sie recht ungehalten reagierte, schließlich aber doch tat, worum ich die gebeten hatte. So konnte ich immerhin im zweiten Teil des Konzertes ungehindert der Stimme von Jonas Kaufmann lauschen.

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  2. Dazu fällt mir ein guter Witz von Harry Rowohlt ein:

    "Da ist ein Symphoniekonzert und während einer besonders packenden Pianissimo-Stelle erhebt sich plötzlich vorne rechts in der 2. Reihe ein älterer Herr und ruft "Befindet sich ein Arzt im Saal?" und ganz oben im 3. Rang steht ein junger Mann auf und ruft "Ja, ich bin Arzt, was kann ich für Sie tun?" und der ältere Herr ruft "Ist es nicht ein wunderbares Konzert, Herr Kollege?"

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  3. @Marco: Oh, wie fies!!!! :( Ich verstehe bei solchen Leuten auch immer nicht, warum sie sich bei der Geräuschkulisse, die sie produzieren, nicht selber tierisch auf den Senkel gehen....

    @Reiner Fricke: Haha :D Tja ja, man muss ja schließlich wissen, was der werte Herr Kollege davon hält - und das sofort und auf der Stelle. ;)
    In der Ausprägung habe ich es zwar zum Glück noch nie erlebt ;), aber wie so oft steckt in solchen Karikaturen viel Wahrheit drin: gegenseitige Gefallens-Bekundungen können bei vielen Leuten nicht bis zur Pause warten, sondern werden zugeflüstert und das gerne auch mal mitten in der schönsten Arie.

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  4. An der Zürcher Oper stank mein Nachbar sehr stark nach Tabak. Hätte er nur seinen Mund geschlossen gehalten. Aber Nein, er versuchte bei jeder Gelegenheit mit mir zu reden. Zum Glück fand ich eine leere Platz in der ersten Reihe und konnte dort hin fliehen.

    In einem Klavier Konzert(Beethovens Nr.4) mussten mit einem Schlag drei ältere Leute wegen Unwohlsein das Saal verlassen. Es wurde noch schlimmer. Eine ebenfalls ältere Frau fiel Ohnmacht. Einige Zuhörer mit medizinischen Berufen standen auf und kümmerten sich um sie, bis der Sanitäter kam. Die Pianistin und der Dirigent waren total abgelenkt. Während des Spielens schauten sie sorgenvoll immer wieder in die Richtung der Patientin.

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  5. Habe diesen Blog erst jetzt entdeckt, das finde ich schön, endlich mal ein Blog der sich auch für die Klassik bzw. die Oper interessiert.
    Wenn ich mal etwas über Klassik schreibe, dann habe ich das Gefühl das interessiert niemanden von meinen Lesern.
    Dann überrascht mich Dein Hintergrundbild, das ist doch der Lampenhimmel der Städtischen Bühnen Münster???
    Warst Du schon mal in Münster im Theather?
    LG
    Agnes

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  6. @Lotus-Eater: Wäh ja fieeees, ich saß auch schon mal neben einem, der gerochen hat, als wenn nen Eimer Teer verschluckt hätte. Das ist echt unangenehm.

    Und das Konzert scheint ja umwerfend gewesen zu sein. :D Wahrscheinlich wäre es für alle besser gewesen, wenn sie es unterbrochen hätten, denn bei so was, kann wohl keiner ohne Ablenkung einfach weiterspielen.

    @Agnes: Erstmal ein ganz herzliches Willkommen! :)

    Ja, mit Klassik trifft man nicht jedermanns Geschmack, aber mit mir hättest du immerhin schon mal eine Leserin, die's interessiert. ;)

    Und die Lampen sind die aus Münster. Ich finde die einfach genial! :) Leider bin ich in Münster nicht ganz so häufig. Zuletzt war ich da im Fliegenden Holländer, der mir gesanglich unglaublich gut gefallen hat. Bist du da häufiger? Kannst du ein Stück besonders empfehlen?

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  7. Hallo Sarah,
    wir haben seit Jahren ein Abo in Münster, und sehen pro Saison 6 Stück.
    3 Schauspiele, davon eins im Kleinen Haus, und drei Musikstück, 2 Opern und 1 Musical oder Operette.
    Zwei Opern reichen mir immer nicht, so dass wir häufig noch mal extra Karten für eine weitere Oper kaufen.
    Den Fliegenden Holländer habe ich auch gesehen, war nicht im Abo, haben wir zugekauft, und der hat mir/uns sehr gut gefallen.
    Gesanglich war er meines Erachtens spitze, vor allem der Holländer (ich glaube Daland heißt er) war eine grandiose Besetzung.
    Die Inzenierung, die teilweise in den Medien stark kritisiert wurde, hat mich auch nicht gestört, ich fand sie so modern noch akzeptabel, da gibt es schlimmere Auswüchse ;-)
    In der nächsten Woche haben wir La Traviata auf dem Programm, da freue ich mich schon sehr drauf.
    Als zweite Oper haben wir in dieser Saison noch Oberon (Weber), und als "leichtes" Musikstück Die Banditen (Offenbach).
    Boris Godunow im letzten Jahr hat mir sehr gut gefallen.
    Ich finde es schön, jemanden im web gefunden zu haben, mit dem ich mich auch mal über das Thema austauschen kann.

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  8. Bin heut nachmittag von einem Fünf-Tage-Aufenthalt aus Bayreuth zurückgekommen und dazu ETWAS GANZ ANDERES ... der Kuchen im Cafè neben dem alten Opernhaus ist zu empfehlen ...
    Gruß
    WB

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  9. @Agnes: Oh ja, Johannes Schwärsky im Holländer fand ich auch guuut! Sogar so gut, dass ich mir den Namen gemerkt habe. :D Mit der Inszenierung ging es mir ähnlich, wie dir: ich fand sie auch okay. Sie war jetzt nix besonderes - weder im positiven noch im negativen Sinne. Wobei ich vermutlich hinzufügen muss, dass ich generell modernes Regietheater sehr mag. Solange es das Werk interpretiert und mir in irgendeiner Form einen neuen Aspekt oder Zugang zur Oper aufzeigt - wenn aber irgendwas inszeniert wird, was gar nicht da ist, dann find ich's für die Tonne. Und ich frag mich, warum der Regisseur sich nicht jemanden sucht, der ein passendes Stück zu seiner Regie schreibt - damit wäre allen geholfen.... ;)

    Boris Godunow - wow! Das hätt' ich gern' gesehen! Ich steh ja generell sehr auf russische Komponisten.... Schade, vielleicht nehmen sie's ja wieder in den Spielplan auf.

    Zur Traviata habe ich grad mal interessehalber die Saalpläne studiert: sieht ja schon ziemlich ausgelutscht aus: kaum noch Karten. Schade, denn zeitlich könnte es bei uns eventuell und ganz vielleicht über die Feiertage reinpassen. Und auf 'ne Traviata hätte ich echt mal wieder Lust - meine letzte ist schon ein bisserl her.

    @Walter Brusius: Den Kuchen dort habe ich noch nie probiert. Wir haben uns bisher immer selbst was zum Futtern für die Pausen mitgebracht....

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  10. La Traviata steht ja noch länger auf dem Spielplan.
    Die Premiere war ja erst vor 6 Wochen.
    Ich denke da wirst Du im neuen Jahr sicher noch Karten bekommen können.

    Magst Du nur Opern?
    Oder auch Symphonie Konzerte etc.?
    Ich träume davon mal die Berliner Philharmoniker live zu erleben.

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  11. Ja, ich bin auch öfter mal in diversen Konzerthäusern unterwegs.... Und richtig gerne auch bei den Berliner Philharmonikern. Da ich öfter mal in Berlin bin hatte ich schon einige Male das Vergnügen! Und es lohnt sich wirklich! Zudem ist Berlin eh immer eine Reise wert! ;)

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  12. Jetzt hab ich eigentlich immer am Thema Deine Kommentars vorbei geschrieben.
    Es ging ja ursprünglich um die "Deppen" die im Theater sitzen und sich nicht benehmen können.
    Im letzten Jahr hatten wir zwei Damen hinter uns sitzen, die wohl glaubten die Ouvertüre sei eine Unterhaltungsmusik bei der man weiter reden kann.
    Sie unterhielten sich über einen Kaffeeklatsch, über Marmelade, und wie man die kocht ....
    Nachdem ich mich schon einige Male umgedreht hatte und vorwurfsvoll rüber geschaut hatte, und einige andere schon ein scht rübergeschickt hatten, hab ich letztendlich zu den beiden gesagt "würden Sie denn jetzt bitte mal ruhig sein".
    Ich bekam eine doofe Antwort und einen bösen Blick aber anschließend war Ruhe.
    Als wir zur Pause raus gingen haben die beiden mich noch mal voller Verachtung angesehen, anscheinend war ich der Volltrottel der sich nicht benehmen kann.
    Mein Mann ist da (leider) nicht meiner Meinung, er meint, das steht mir nicht zu die Leute zu kritisieren, aber ich finde ich habe für den Musikgenuß der gesamten Oper bezahlt, inklusive Ouvertüre.
    Ich könnte noch einige Dinge aufzählen, die gerade hier in Münster häufig vorkommen.
    Münster hat ein breites Einzugsgebiet, da kommen Leute aus dem gesamten Münsterland, und viele waren noch nie im Theater, sie schließen sich mal einem Busangebot an, denn man muss ja einmal im Leben im Theater gewesen sein.
    Ist ja nichts gegen einzuwenden, aber sie sollten dann wenigstens ruhig sein, und das sind sie leider nicht.

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  13. Oh ja, das kenn ich! Wenn ich die Reisebusse schon vor der Oper sehe, würde ich am liebsten wieder auf dem Absatz kehrt machen. Wobei man diese ja - je nach Stück - schon voraussehen kann. In der Regel tauchen die ja besonders gerne zur Traviata, Boheme oder interessanterweise, als gerade Paul Potts aktuell war, auch zur Turandot auf. ;)

    Und ich finde auch, dass man solch' penetranten Störenfriede in die Schranken weisen sollte. Denn schließlich ist das eigentlich ein ziemlich asoziales Verhalten, wenn zwei Leute allen Anderen ihr Gequatsche aufzwängen und die Vorstellung ruinieren. Da sollten sie sich lieber freuen, dass sie nicht gleich ganz rausfliegen, als böse Blicke zu verteilen. ;)

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