Montag, 14. Mai 2012

Ariadne auf Naxos - Staatsoper Hamburg

Zu der heutigen Hamburger Premiere der „Ariadne auf Naxos“ ist vor allem eins zu sagen: BRAVO! Und genau das hat das Publikum auch getan! Bis auf Einen – aber zu dem komme ich später noch.

Musikalisch war es wirklich großartig! Die Ariadne wurde wunderschön von Anne Schwanewilms gesungen. Sie sang sehr intensiv und ganz besonders im großen Finale mit Johan Botha als Bacchus legte sie unglaublich viele Emotionen in ihre Interpretation. Johan Botha sang, wie nicht anders zu erwarten, mit einem unglaublichen Volumen und jeder Menge Samt. Allein wegen dieser Schluss-Szene lohnte sich der Abend! Insbesondere auch deswegen, weil dort die, sowieso schon sehr gute Inszenierung von Christian Stückl, ihren ästhetischen Höhepunkt fand: Bacchus kam auf einem riesigen roten Schiff mit einem eindrucksvollen Sternenhimmel im Hintergrund auf die Bühne - und brach damit auch durch die Oper in die Oper. Sämtliche Fragen in Richtung, was gehört nun zum Theater und was nicht, wurden hinfällig und es gab nur noch diese EINE Szene. Man konnte gar nicht anders, als sich dem einfach nur vollkommen hinzugeben.

Hayoung Lee (die sich früher immer und überall „Ha Young Lee“ schrieb – was ist passiert? Und warum?) spielte und sang großartig – auch wenn sie wohl nicht meine Lieblings-Zerbinetta werden wird! Und sie erntete am Schluss großen Applaus – und auch den einzigen Zwischenapplaus. Warum der aber, vermutlich, nicht nur ihr galt, hat etwas mit dem schon erwähnten ominösen Einen zu tun – und auch dazu komme ich später noch. Ja, ja, es wird immer geheimnisvoller. ;) Zerbinettas vier Liebhaber sangen und spielten Viktor Rud, Chris Lysack, Adrian Sâmpetrean und Jun-Sang Han toll! An dieser Stelle sei auch in Bezug auf die komplette Besetzung gesagt, dass ihre Spielfreude echt ansteckend war!

Den Musiklehrer sang Franz Grundheber – und auch wenn die Rolle sehr klein ist, merkte man, was für ein <großartiger Sänger> er ist! Cristina Damian als Komponist war auch sehr gut, aber ich fand‘ sie am Anfang oftmals ein wenig zu hektisch in ihrer Stimmführung. Die Töne waren mir persönlich manchmal einfach ein wenig zu kurzatmig und schrill. Jürgen Sacher als Tanzmeister, Thomas Florio als Perückenmacher, Levente Páll als Haushofmeister vervollständigten das gesamt-positive Bild. Und definitiv toll waren die drei Nymphen Katerina Tretyakova, Rebecca Jo Leob und Gabriele Rossmanith. Sie traten in der Regie als Opernpublikum auf und sorgten durch eine durchdachte Personenregie durchaus für Lacher!

Die Inszenierung von Christian Stückl war ganz großes Tennis! Die bestechende Komik der Ariadne, die im Libretto in Passagen, wie „KOMPONIST: Ariadne auf Naxos, Herr. Sie ist das Sinnbild der menschlichen Einsamkeit TANZMEISTER: Eben darum braucht sie Gesellschaft!“ steckt, hat Stückl punktgenau ausgemacht und auf die Bühne gebracht: Der Komponist z.B. trug einen Anzug mit einem weißen Schal und die Ariadne mimte die von Natur aus leidende Operndiva, während die Zerbinatta mit ihren vier Liebhabern in Jogginganzügen den Szenerie betrat – und die Herrschaften Künstler sich allein davon provoziert sahen. Diese beiden völlig konträren Welten wurden von Richard Strauss musikalisch sehr klar charakterisiert und dies wusste Stückl in seiner Personenregie gekonnt zu nutzen. Den Witz, der schon da war, brachte er direkt auf die Bühne. Und solange der Trailer noch nicht online istt, kann man hier ein paar Eindrücke sammeln:
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Das Konzept sah vor, dass es von Anbeginn eine Bühne auf eine Bühne gab, um die rundherum Publikumsplätze waren. Das besondere Special dabei war, dass nach der Pause 20 Zuschauer aus dem Publikum auf der Bühne platznehmen durften. Die „Bühnentickets“ erhält man übrigens auf Nachfrage beim Kartenkauf an der Theaterkasse. Und so ein Zuschauerplatz auf der Bühne ist durchaus ein Erlebnis. Denn auch wenn ich heute Abend im Zuschauerraum saß, durfte ich während einer Probe auf der Bühne sitzen und kann so aus beiden Perspektiven berichten:

Auf der Bühne bekommt man hautnah die Auf- und Abgänge der Sänger mit und kann zudem auch die Arbeit hinter den Kulissen ein wenig verfolgen. Will sagen: dort wird durchaus der eine oder andere Satz gesprochen. Doch das hat schon seinen Reiz – auch wenn es den szenischen und musikalischen Gesamteindruck reduziert – denn wann bekommt man schon mal die Chance so nah hinter die Kulissen zu blicken.

Weiter ist es so, dass man die Musik dort auf der Bühne ganz anders hört: man hört hauptsächlich die Sänger - vorausgesetzt sie stehen nicht gerade komplett vorne und mit dem Rücken zu einem: was zum Glück beim Auftritt von Johan Botha als Bacchus ganz und gar nicht der Fall und somit ein ganz spezielles Highlight war. Seine Stimme hautnah und nur einige Meter von mir entfernt zu hören, war definitiv grandios. Doch, trotzdem, war die Oper im Zuschauerraum um ein vielfaches eindrucksvoller! Denn vieles von der Musik und der Regie (u.a. der unglaublich schöne Sternenhimmel) entfaltet auf den Bühnenplätzen einfach nicht seine volle Wirkung....

Und nun kommen wir zu diesem Einen:
Denn jener hatte einen fast schon tragisch blamablen Auftritt. Er fand Frau Young offenbar so furchtbar, dass er sich dazu im Recht sah, seine Meinung zu einem Bestandteil der Vorstellung zu machen und nach der Pause, just vor Beginn von Frau Youngs Dirigat, ein lautes und deutliches „Aufhören“ vom Rang hinunter rief - woraufhin er ausgebuht wurde. Kann allerdings auch sein, dass ihm einige im Herdentrieb zugestimmt haben - das ist schwer zu sagen, wem nun was galt und wieso. Jedenfalls gab’s dann eine Runde Bravi für Frau Young. Doch das hat diesen einen nicht davon abbringen lassen, sich weiter wie der letzte Depp aufzuführen und als es endlich still im Saal war, rief er erneut und diesmal doppelt und dreifach: Aufhören, aufhören, aufhören ….. Peinlich, peinlich, peinlich – sollte man sich dazu nur denken – und es damit belassen. Denn die Fronten waren klar: Er war einer gegen alle – oder zumindest gegen die allermeisten. An dieser Stelle sollte man sich noch mal vor Augen halten, dass die Hamburgische Staatsoper 1690 Plätze hat!.... Darauf gab’s dann jedoch Rufe in seine Richtung vom Publikum, er solle Ruhe geben – und noch andere, ähm, sagen wir mal "Sachen". Doch er rief immer wieder „Aufhören“ und wollte offenbar partout das letzte Wort haben….

Wir hier im Internet sagen ja dazu: Don’t feed the Troll. Und wer jetzt nicht weiß, was das nun wieder ist, der findet bei <Wikipedia> eine Antwort und wer weiterführende Infos zum Umgang mit Trollen möchte, kann sich diesen sehr unterhaltsamen <Vortrag anhören> (das mit den Trollen beginnt aber eigentlich erst so richtig ;) ab Minute 13:00 - sollte man sich komplett anschauen). Und wie das mit Trollen nunmal so ist, sind ihre Aktionen oftmals nicht wirklich logisch. Zumindest in diesem Fall dann nicht, wenn ihn keiner am Stuhl festgebunden hatte und er sich durch verzweifelte Rufe „Aufhören, aufhören“ aus dieser Zwangslage befreien wollte. Denn wenn's für ihn wirklich so eine Qual gewesen wäre, hätte er doch einfach in der Pause gehen können.... 

Nun ja: letztlich ging's dann irgendwann weiter – und, ach, irgendwie merkte man die Verunsicherung auf der Bühne. Das war wirklich traurig und der eigentliche Grund, warum ich dieser Sache hier so viel Raum gebe. Denn auch wenn jedem der Künstler dort vermutlich bewusst war, dass das nur einer im Gegensatz zu vielen war, blieb ein bitterer Beigeschmack. Von den Auswirkungen solcher Angriffe kann sich wohl niemand ganz frei machen. Und genau das ist das eigentlich asoziale an so einem Verhalten: Denn wenn's einem wirklich so gar nicht gefällt, ist das zwar schade für den einzelnen, aber wirklich kein Grund allen anderen den Abend zu ruinieren.

Zum Glück fanden alle aber bald wieder zu ihrem Faden. Und nach Zerbinettas Arie gab es großen Applaus. In diesen mischten sich aber erneut ein, vielleicht auch zwei Buhrufer – auf jene wiederrum viele Brava und Bravi folgten. Es war, wie ich daher annehme, eher ein Kräftemessen, sowie auch eine allgemeine Solidaritätsbekundung des Publikums.

Zum Schlussapplaus trat derjenige welche nochmals seinen Kampf gegen den Rest der Welt an. Zumindest nehme ich an, dass er es war, denn es gab nur einen einzigen Buhrufer – und der widmete sich Frau Young. Ansonsten gab es zurecht eindeutige Zustimmung für Simone Young. Zudem wurden alle Sänger außnahmslos vom Publikum gefeiert – und auch das Regieteam erntete ausschließlich Zustimmung! Ein seltener Moment!! Wann gibt’s für die Regie schonmal nicht wenigstens, egal ob berechtig oder nicht, ein paar Buhs? Also, ich hab’s jedenfalls noch nicht erlebt! Zumindest nicht auf den großen Bühnen, wie Hamburg, Berlin, etc. pp. Denn auch wenn ich Christians Stückls Regie großartig finde und jedes Buh hier umfassend auseinandergefleddert hätte, glaube ich doch, dass durch die "Aufhören-Aktion" vor allem eins erreichet wurde: Jeder, der nicht anschließend mit ihm in einen Topf geschmissen werden wollte – und das waren offenbar alle – haben keinen Mucks der Kritik von sich gegeben. Und bei aller Großartigkeit dieser Premiere: Einige, denen es nicht gefällt, gibt es doch immer – wirklich IMMER.

Egal! Mir soll’s Recht sein, so konnte ich wenigstens ohne große Störung feiern. :D

Und P.S.: nur für den Fall, dass ihr das mit den Bühnenkarten mal ausprobieren wollt, es euch aber unangenehm sein sollte den kompletten II. Teil von über 1000 Leuten angestarrt zu werden: keine Angst, man sieht das Publikum auf der Bühne echt nicht grell erleuchtet und in jedem Detail. ;)

10 Kommentare:

  1. Ich saß - leider - in der Loge im 1. Rang mit diesem "Ignoranten", der partout alles besser wissen wollte. Er buhte dann am Ende nur noch leise; das obligatorische laute buhen für Frau Young kam aus den oberen Rängen. In der Vergangenheit kamen diese Buhs von einem Zeitgenossen, der dann später am Bühnenausgang um die Sänger herumscharwenzelt und sich - mit kleinen Geschenken - gut Freund macht.

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    1. Mein herzliches Beileid für diese Sitznachbarschaft! ;)

      Woher das Schluss-Buh kam konnte ich unten nicht so gut hören - kam für mich halt, genau wie der "Aufhören-Ruf", irgendwie von oben und da ich nur einen gehört habe, war die Sache für mich klar.... Aber dann gab's da offenbar noch einen, dem's nicht gefallen hat. Nun ja. Macht die Minderheit schließlich auch nicht erheblich größer. ;)

      Und echt?! Herrje, es gibt schon verschrobene Gestalten: erst kräftig buhen und dann um die Sänger buhlen - das ist ja schon irgendwie fast traurig.

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  2. Vermutlich bekam die Zerbinetta Buh-Rufe, weil sie am Ende der großen Arie deutliche Intonations- und Höhenprobleme hatte. Trotz dieser - gemessen am theoretischen Hamburger Standard - zu schwachen Leistung waren die Buhrufe natürlich eine Frechheit.
    LG

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    1. Man hätte vielleicht keine Aufnahme draus machen können, aber die Buhs waren, wie Sie schon sagen, eine Frechheit!

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  3. Die gestrige Premiere war eine ganz wundervolle Vorstellung. Ich war sehr erbost über diesen dreisten Zwischenrufer. Man hätte ihn einfach vor die Tür setzen sollen. So ein Verhalten darf man nicht dulden und muss sich wirklich auch niemand gefallen lassen.

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  4. ich war auch in der Premiere, und ich muss sagen, dass der beste Sänger des Abend Johan Botha war. Sein Tenor hatte die Tragkraft und den Schmelz, den man sich von dieser Rolle erträumt. Alle anderen Sänger blieben weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Ich habe Anne Schwanewilms in Frankfurt als Arabella gehört und das große Duett war wirklich nicht von dieser Welt, aber was war das bei der Premiere? Ihr sonst wunderbar lyrischer Sopran brach immerzu ein, wirkte größtenteils unsicher. Am Schluß ihrer Arie "Es gibt ein Reich..." ging ihre Stimme im Orchester total unter. Auch enttäuschend die Zerbinetta. Keine durchgehend gesungene Gesangslinien, alles so abgehackt, das war wirklich keine Freude. Musikalisch fand ich die Aufführung ganz ansprechend, wobei ich den zweiten Teil wesentlich besser fand als den Ersten. Letztendlich bleibt leider nur zu konstatieren, dass auch bei dieser letzten Premiere in Hamburg sich der Trend fortsetzt, dass die Oper Hamburg unter den Opernhäusern in Deutschland an Bedeutung verliert. Wirklich schade!

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  5. Ich hatte an diesem Abend das große Pech genau neben dem "Aufhören-Rufer" zu sitzen. Derart geschockt über soviel Dreistigkeit, Dummheit und Ignoranz den Künstlern, aber auch den anderen Premierenbesuchern gegenüber, fiel es mir schwer, mich voll auf den zweiten Teil dieses endlich einmal wieder staatsopernwürdigen Abends zu konzentrieren.
    Da mir das unverschämte, gänzlich unhanseatische Verhalten dieses Herren, nebst seiner Gattin schon bei anderen Premieren aufgefallen ist, hätte ich gewarnt sein müssen...

    Sicher: ein Großteil der letzten Produktionen unter Verantwortung von Intendantin Young waren sowohl musikalisch, als auch szenisch herbe Enttäuschungen. Eine wirklich interessante Programmatik der Spielpläne ist kaum zu erkennen, von einer hohen Qualität der Hamburger Philharmoniker als Opernorchester konnte leider nicht so oft die Rede sein.
    Umso erfreuter war ich über die Ankündigung, dass mit der in Hamburg lange nicht mehr aufgeführten "Ariadne" endlich der Strauss-Zyklus weitergeführt wurde.
    Das Ergebnis war ein ganz hervorragender Abend: szenisch klug ausgerichtet, mit einem spielfreudigem, hochmusikalischem Sängerensemble, prachtvoll-klangschön unter dem Dirigat von Simone Young.
    Mit Anne Schwanewilms und Johan Botha haben wir die wohl derzeit weltbesten Vertreter ihrer Rollen erlebt.
    Spätestens bei deren großartigem Schlussduett, hatte ich dann auch meinen Sitznachbarn vergessen...

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  6. Nur eine kurze Anmerkung:

    Liebe Sarah Maria: nur Zerbinetta bekommt üblicherweise Zwischenapplaus - bei den beiden Ariadne Arien wäre dies unpassend, finden Sie nicht ? (War dies etwa Ihre erste Ariadne ???).

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    1. http://opernblog.blogspot.de/2011/12/ariadne-auf-naxos-staatsoper-hannover.html

      Hier der Post zur anderen Ariadne-Neuinszenierung, die ich in dieser Spielzeit gesehen habe. ;)

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  7. Und in Hannover hat außer der Zerbinetta jemand Zwischenappluas bekommen ? In der Tat interessant...

    Nun komme ich gerade aus der Ariadne nach Hause und kann somit mitreden: Frau Haveman ist für Frau Schwanewilms eingesprungen: das war die lauteste Ariadne, die ich jemals gehört habe. Aber über Einspringer sagt man nix.

    Die Zerbinetta war gruselig: Frau Lee hat einfach Passagen ausgelassen, die ihr zu hoch liegen! Sie war mit Abstand die schlechteste Zerbinetta, die ich jemals gehört habe (wer eine noch schlechtere kennt: bitte Namen sagen!). Ich bin mit Gruberova, Dessay,Damrau, Mosuc, Fally und Archibald einfach verwöhnt. Aber diese Frau ist schlichtweg rufschädigend für die Hamburger Oper.

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