Sonntag, 5. Dezember 2010

Adriana Lecouvreur - Royal Opera House (London)

©Sarah-Maria
Der Librettist, Arturo Colautti, war beim Verfassen des Textes offenbar betrunken, unter wahnsinnigem Zeitdruck oder aber beides: denn die Handlung ergibt eher selten einen Sinn. Und dieser verflüchtigt sich zudem proportional zur Anzahl der vorher studierten Werkeinführungen. Daher fährt man vermutlich am besten, wenn man an das Handlungskonzept irgendwie pädagogisch rangeht und die Figuren nimmt, wie sie nuneinmal sind. Wer, wie, was – wieso, weshalb oder gar warum Fragen führen zu keinem oder unbefriedigendem Ergebnis.

Nun ja, was angesichts der Handlung im Kopf des Komponisten (Francesco Cilea) vorgegangen ist, bleibt nur zu vermuten. Wohlwollend nehme ich aber einfach mal an, dass er die Zuschauer nicht noch weiter mit einer zu komplizierten Komposition verwirren wollte und sich daher auf ein einziges Motiv beschränkt hat. Welches somit den ganzen Abend so lange rauf und runter gedudelt wurde, bis es sich auch in die letzte Hirnwendung unwiderruflich eingefressen hatte.... Leider ist die Oper – abgesehen von diversen wirklich schönen Arien und Duetten - musikalisch gesehen strunzlangweilig.

©Sarah-Maria
Ganz ähnlich überzeugt von ihrem Auftritt, wie der Komponist von seinem Motiv, schien Frau Gheorghiu gewesen zu sein. Denn sie hat offenbar just vergessen, dass sie erst wenige Tage zuvor eine der ROH Adriana Lecouvreur Vorstellungen in letzter Minute aus fadenscheinigen Gründen abgesagt hat. Und da das betroffene Publikum nicht das erste Opfer ihrer Launen war, wurde sie in Abwesenheit nicht zu knapp ausgebuht. Im Anschluss der gestrigen Vorstellung, welche übrigens auf DVD aufgezeichnet wurde und damit wohl eher nicht auf ihrer Liste der „unwichtigen“ Auftritte stand, war jedoch angesichts des zuvor verprellten Publikums von Zurückhaltung ihrerseits keine Spur. Im Gegenteil sie drängte sich schon fast schamlos in die Bravi des Schlussapplauses, die definitiv nicht nur ihr galten. Dabei gönnte sie ihren Kollegen kaum einen Funken des Applauses. Und als wenn dies nicht schon genug gewesen wäre, hat die Gute abschließend noch Jonas Kaufmann tröstend auf die Schulter geklopft.  Es war wirklich mehr als peinlich! Vor allem, wenn man bedenkt, dass Jonas Kaufmann, durch eine wesentlich bewegendere und vor allem weniger affektierte Interpretation seines Parts mit mehr Zwischenapplaus vom Publikum beglückt wurde und somit der eigentliche Publikumsliebling war…..

Dummerweise ist sie ja wirklich eine geniale Sängerin. Und sie zusammen mit Jonas Kaufmann im Duett zu hören lässt einen tatsächlich über fast alles hinwegsehen, sogar über so  blödsinnige Liebesschwüre wie: „Meiner teuren Mutter Bild, so lieblich lächelnd, seh ich in dir mich wieder freundlich grüssen“ und schlussendelich auch fast (aber eben nur fast) über Angela Gheorghius grenzgradig peinlichen Gesamtauftritt....

P.S.: Die komplette Aufführung wurde übrigens von BBC Radio3 übertragen und kann dort noch einige Tage kostenlos angehört werden: hier klicken

Kommentare:

  1. Danke für den ausführlichen, humorvollen Bericht. An Stelle Kaufmanns würde ich nie wieder mit der "Draculette" zusammenarbeiten.

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  2. Dear Sarah-Maria,
    hants for tue post. I am planning to be there next Friday. Angeles Blancas is schedule for that performance, not Angela Gheorghiu, but Jonas Kaufmann and Olga Borodina among others will assure an excellent performance, I am sure.
    And the next day I will see Tannhäuser! An excellent week end, next week, weather and the spainsh air controllers permit!
    Regards

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  3. "noch Jonas Kaufmann tröstend auf die Schulter geklopft"
    Hat sie das wirklich getan? JK hat bei allen Aufführungen die höchsten Phonstärken an Applaus bekommen, auch bei der im Rundfunk übertragenen Vorstellung vom 30. November. Der 4. Dezember wurde nicht übertragen weil, wie es beim BBC hieß, JK "unwell" war. Vielleicht war das der Grund für ihr Schulterklopfen. Angesagt wurde es übrigens nur im Rundfunk, nicht im Haus.

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  4. @operasona: Ja, er hat sich da echt was gefallen lassen! Erst lässt sie ihn hängen und dann sahnt sie den Applaus alleine ab ....

    @FanaticaUm: Olga Borodina has sung yesterday, too. She was very, very good! You can definitly (next to the other singers) look forward to listen to her .... Have a gread evening and I’m really curious about your Tannhäuser-Impressions… :)

    @ Anonym: Danke für den Hinweis! Im Haus hat man davon wirklich nix gehört – selbst nicht in den Passagen zusammen mit Angela Gheorghiu! Jonas Kaufmann hat die Rolle einwandfrei gesungen und wie gesagt wirklich viel Zwischenapplaus bekommen. Im Haus wurde tatsächlich nix angesagt – von der Radioübertragung hab ich nur auf dem Besetzungszettel gelesen und deswegen den Link gepostet. Auf der Website wird die Aufzeichnung auch als die vom 04.12. ausgewiesen? Mhm? Ich hör sie mir grad mal an, um den Hinweis zu finden....

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  5. @ Anonym: mhm also, ich hab mir jetzt die Radioaufzeichnung von gestern (04.12.) bis zum ersten Ton aus dem Orchestergraben (nach ca. 20 min) angehört, da wird definitiv nix von "unwell" bezüglich Jonas Kaufmann gesagt.... Aber vielleicht ist man bei einer Aufführung mit Gheorghiu schon so weit konditioniert, dass man das Wort automatisch irgendwo hört … ;) Oder hab ich mich am Ende noch im Link geirrt? http://www.bbc.co.uk/programmes/b00w6cl2

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  6. Hallo, Sarah-Maria,
    der Sprecher von BBC3 sagt bei 1:42h Spieldauer (erste Pause): "Well, as you may have been able to detect from the absence of audience noise around me, I´m not at the ROH as we planned, but here in the studio in the broadcasting house, that´s because JK is unwell, and we are bringing you a recording made of last tuesday nights performance at covent garden."
    Schöner Blog, und vielen Dank für den Bericht. Das Benehmen von AG ist sehr bedauerlich.
    LG edda

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  7. Danke für diesen humorvollen Bericht!

    Ach ja, die Librettisten :)
    Mordarten gibt es ja wahrhaftig viele auf der Bühne, aber in der Adriana findet sich vermutlich die absurdeste.
    Als ich zum erstenmal davon hörte, hab ich laut gelacht.

    Vermutlich, um es etwas realistischer zu machen, hatte mal ein Regisseur den Einfall, die Dame ihren Veilchenstrauß fressen zu lassen - DAS hat mir dann aber erst recht die Lachtränen in die Augen getrieben:))

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  8. @edda: Tatsache! Jetzt hab ich’s auch gehört!!! Hab mich grad noch mal bei meiner Begleitung umgehört, ob ich vielleicht Tomaten auf den Ohren hatte, aber wir haben beide wirklich nix davon gehört, dass es dem lieben Jonas nicht ganz so gut ging. Komisch? Vielleicht sollten wir nächstes Mal auch nach einem Hörgerät verlangen, wie die Herren ein paar Plätze neben uns.... Na ja, und wie gesagt: Die Produktion wurde gestern auf DVD aufgezeichnet .... Aber vielleicht wurde für die endgültige Fassung da z.T. auch auf frühere Aufnahmen zurückgegriffen?

    @taxus: Ernsthaft?!!!!? Der Regisseur war bestimmt vorher zusammen mit dem Librettisten einen trinken .... Oder zumindest hatte er so viel intus, dass er es sich eingebildet hat... ;) Es ist manchmal echt erstaunlich, was für Absurditäten alles auf die Bühne gebracht werden – und das OHNE ein Augenzwinkern! Kannst du dich zufällig erinnern, welche Produktion das war?

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  9. Nein, leider weiß ich nicht mehr, wo das war - ich glaube, in der Schweiz. Basel?

    Aber ich hab noch ein nettes Schmankerl für Sie.
    Unter mangelndem Selbstbewußtsein leidet ja Frau Gheorghiu wahrhaftig nicht.
    Ihre Stimme ist zwar relativ klein, dafür heilt sie aber Kranke.

    In einem Zeitungsinterview sagte sie:

    "I have this voice that moves deeply. There are people who say they were sick and were healed when they heard me sing".

    Na ja, und daß man sie kapriziös findet.... "das ist ein Kreuz, das ich tragen muß."

    Die Arme. :))

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  10. @ Taxus: ja, diese Geschichte mit den Wunderheilungen habe ich auch gelesen. Ich habe dann mal den Selbstversuch gemacht und habe mir, als ich ein kleineres gesundheitliches Problem hatte, mehrfach ihre Aufnahme von "Casta Diva" angehört. Was soll ich sagen: komplett geheilt!! (okay, mein HP war unterstützend tätig!) Frage mich, was die Kirche dazu meint....

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  11. Vielen Dank für den ausführlichen und interessanten Bericht.
    Ich war am 25. und 27.11. in London und habe deshalb die Gheorghiu nicht live erlebt. Angela Blancas Gulin ist nach meiner Meinung live ein würdiger Ersatz, sie spielt hinreißend und glaubwürdig - und wenn ihr stimmlich auch die feineren Nuancen fehlen, sie hat die Tiefe und Dramatik, die die Gheorghiu nicht hat.
    Die ideale Adriana wäre wahrscheinlich eine Mischung aus beiden.

    Ich bin ebenfalls der Meinung, dass es sich nicht um die sinnigste Opernhandlung der Welt handelt, allerdings wenn man die fehlende Teile des ursprünglichen Librettos und die historisch tatsächlichen Gegebenheiten hinzunimmt, macht das Ganze nach meiner Meinung etwas mehr Sinn.
    Beispielsweise hat der Fürst von Buillon ein entsprechendes Gift im Haus - eine puderige Substanz, die tödlich ist, bereits wenn sie in die Atemwege gelang, also über die Schleimhäute aufgenommen wirkt. Der Fürst ist Chemiker und vom Gericht mit einer Untersuchung beauftragt worden. Die Fürstin erfährt all dies von ihrem Mann, und hat somit ein Gift zur Verfügung, um die Rivalin zu töten. Die Blumen damit zu präparieren, um sicherzustellen, dass das Gift eingeatmet wird, finde ich dann gar nicht mehr so absurd.

    Was die Liebeserklärung des Maurizio an Adriana betrifft (La dolcissima ...) – für mich noch viel unfassbarer als der Vergleich mit dem Bild der Mutter, war für mich der Vergleich mit seinem Schlachtenbanner und dem Siegesruhm (... come la mia bandiera, delle pugne fiammante entro i vapor; ... come la chimera della Gloria, promessa al vincitor ... )
    Insgesamt wird das für mich nur verständlich, wenn ich es im historischen Kontext sehe.
    Der Graf von Sachsen war schon zu Lebzeiten berühmt für seine Feldzüge (er galt nicht nur als unbesiegbar, sondern war wohl auch unbesiegt) und genau deshalb haben ihn die Frauen geliebt. :-)

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  12. @edda: Wer weiß, vielleicht steht sie ja kurz vor der Heiligsprechung.... ;)

    @anonym: Danke für die erklärenden Hinweise!! :) So macht es in der Tat etwas mehr Sinn! :)

    Doch eine Oper sollte man schon auch verstehen können, ohne die genauen Umstände sowie die Romanvorlage zu kennen. Vermutlich hatten und haben es die Librettisten ähnlich schwer, wie Drehbuchautoren, die aus einem Buch einen Film machen sollen und wollen. Da muss man zwangsläufig ein paar Handlungsstänge und Figuren wegstreichen und ggf. die Geschichte sogar etwas verändern, damit es Sinn macht und zudem auch noch unterhaltsam bleibt.... Das hätte dieser Oper sicherlich nicht nur in Bezug auf die Handlung, sondern auch auch hinsichtlich der mitunter recht oberflächlichen Charakterzeichnung der Figuren gut getan.

    Nach Angeles Blancas Gulin hab ich grad mal ein bisserl gegoogelt.... Soooo viel findet man über sie leider nicht, aber das, was es Internet zu hören gibt klingt wirklich, wirklich gut!

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  13. Oh, edda - Selbstversuch! Grandiose Idee. Daß ich darauf noch nicht gekommen bin.
    Werd ich aber ausprobieren :)

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  14. Habt ihr schon mal in "Lautsplitter.blogspot" reingeschaut?

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