Montag, 30. Januar 2012

Nachtwache - Staatstheater Oldenburg

„Ein Lamentoabend mit Musik von Monteverdi, Händel, Purcell, Ligeti, Radiohead u.a.“ -> Lamento = „ein in Musik gegossener Seufzer“ – Soweit die Ankündigung im Programmheft. Ort der Handlung war ein Sanatorium, in dem die Insassen ihren ganz eigenen Film fuhren und weder Arzt noch Pfleger sich diesen Verrücktheiten verwehrten. Die Inszenierung war von Niklaus Helbling und konnte mit einigen durchaus schönen (Bühnen)Bildern punkten.

Und auch wenn das Stück an manchen Stellen etwas dürftig konstruiert war, hat es mir trotzdem gefallen: Händel (fast egal was) als Ouvertüre ist einfach irgendwie schrullig schön und mit „When I am laid“ (Purcell) löst man bei mir ja eigentlich immer einen ordentlichen Emotionsschub aus. Dass die dann direkt im Anschluss „You and whose Army“ (Radiohead) in einer verdammt eindringlich, wie puristischen Version hinterhergeknallt haben, hat mich restlos überzeugt - und ab da war ich Fan. Der Countertenor (im Stück hieß er „Little Cesar“) wollte zu „Lascia ch’io pianga“ als römischer Legionär verkleidet Selbstmord begehen. Okay, die Welt hat schon bessere Countertenöre als Magid El Bushra gesehen und seine Koloraturen waren etwas dürftig, aber seinen Selbstmordversuch-Sorg hat er wirklich wunderbar gemeistert.

Es folgte „Life during Wartime“ (Talking Heads) vom Jochen dem Pfleger (Johannes Geißer) und Händels „Ombra Pallide“. Mittlerweile war’s aber insgesamt schon ziemlich abgedreht und Prinzessin D (wunderbar gesungen von Mareke Freudenberg) endete mit einem sinngemäßen „I kiss your shadow“, bevor der Arztkittel des Psychiaters (Andrey Valiguras) zweigeteilt wurde und er ihn sich mit einer Patientin, der Wasserfrau (großartig interpretiert von Barbara Schmidt-Gaden) teilte. Kurz darauf und während jener in sonoren Basslauten rhythmisch „You belong to the night“ im wahrsten Sinne des Wortes lamentierte, habe ich mal kurz an Hape Kerkeling gedacht. Und siehe da: Sie schleppten kurzerhand ein Lamm auf die Bühne. Dann: Palmenblätter, Königskronen, Prinzessin D hat ein Ei gelegt - na ja Beuys auf Koks irgendwie.

Nebst dem bekannt Pop und Barock gab’s aber auch einige unbekannte Stücke zu entdecken: z.B. Tarik O’Regan „Had I not seen the sun“ (aus Threshold of Night). Und zu John Dowlands „Lend your ears to my Sorrow“ haben die Insassen inklusive Personal im Hare Krishna Style und mit Lavalampen-Projektionen an der Wand ihre „Medikamente“ genommen (wie gesagt: die Metaphern waren leicht abgenudelt, aber in Kombination mit der Musik war’s irgendwie irgendwas in Richtung „unterhaltsam“)  – zudem hätte ich schwören können, dass das Stück maximal 30 Jahre alt ist und nicht von 16-Hundert-Irgendwas.

Das vorletzte Stück „Wüstentraum“ wurde vom Dirigenten (Olaf Wiegmann) höchstselbst komponiert und der darauf folgende Schluss als Musical-Nummer hat den Abend irgendwie abgerudet: Man stelle sich nach einer umfassenden Mischung von Händel, Monteverdi, und Co., diversen atonalen Zeug, sowie E-Gitarren-Kram ein Ensemble vor welches in klischeehafter Musical-Attitüde die Textzeilen „Daylight in the Sun“ schmettert.

Fazit: Irgendwie verrückt und nicht immer frei von unfreiwilliger avantgardistischer Komik, aber dennoch sehenswert.

Kommentare:

  1. Von den Stücken kenne ich nicht so viele.
    Die Arie von Purcell "When I am laid" habei ich (glaube ich) mal bei "Last Night of the Proms" gehört (im Fernsehen, nicht real).
    So genau weiß ich nicht, was ich mir unter dem Titel "Nachtwache" jetzt vorstellen soll.
    War das ein Konzert mit dem Oberbegriff Nachtwache?
    LG
    Agnes

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  2. Nein, es war kein Konzert, sondern ein Mix von Stücken, die allesamt die Geschichte derjenigen erzählten, die sich in besagtem Sanatorium befanden. Die Geschichte war zwar mitunter etwas dünn und auch sehr abgedreht erzählt, aber mir hat der Mix gefallen....

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