Montag, 15. November 2010

Götterdämmerung – Theater Lübeck

©Sarah-Maria
Trotz mehrfacher Berichte habe ich vorab nicht so ganz glauben können, dass die Lübecker Brünnhilde Rebecca Teem DIE Brünnhilde überhaupt ist. Aber nach dem gestrigen Abend beschäftigt mich vor allem die Frage, wie es eigentlich passieren kann, dass in einigen A-Häusern die Partie weiterhin ausgiebig gekreischt, statt gesungen wird, während eine so volle, klare und emotionale Interpretin der Rolle im kleinen Theater Lübeck verweilt…. Na ja, Glück für Lübeck, Pech für den Rest der Welt.

Der Anfang
Wie die vorherigen Regiearbeiten von Pilavachie erwarten ließen, war die Inszenierung sehr kurzweilig, witzig und mit viel Bohei: Die Geschichte beginnt vor den Füßen zwei großer Büsten Wagners und Cosimas, die die Nornen mit Friedhofskränzen schmücken, während sie im allwissenden Buch die Zukunft nachschlagen und es letztlich zerfleddern. Der Walkürenfelsen, das Liebesnest von Siegfried und Brünnhilde, wurde erweitert durch eine Schar Kinder: alles kleine Heldinnen und Helden - inklusive einem kleinen Hilter als Erziehungspanne und Seitenhieb an die Aufführungsgeschichte. Die Wandfarbe des trauten Heims erinnert an das Einheits-Hellgelb von 90% aller Klassenräume und ist geschmückt mit etlichen Kinderzeichnungen. Siegfried im Flammenhemd und Brünnhilde in Flammenschürze probierten die Meute zu bändigen, bevor Siegfried sie verlässt.

Im Heim von Gunther, Gutrune und Hagen
Im Gibbichungenpalast ging’s im Gegensatz zur Familienidylle freizügig her: Gunther bewegte sich irgendwo zwischen homo-, metro- und transsexuell, während Gutrune mit gegelter 20iger Jahre Frisur und rosa Kleidchen eher so in Richtung leicht dümmliches It-Girl tendierte. Zur Inneneinrichtung gehörten neben einem mondänen Canape selbstverständlich eine edel gekleidete Gesellschaft. So weit so gut. Siegfried vergisst durch den Zaubertrank Brünnhilde, vergnügt sich mit Gutrune und fragt Gunther anschließend atemlos nach ihrem Namen. Er und Siegfried schließen den Pakt Brünnhilde zu entführen und machen sich auf den Weg.

Die Entführung
Trotz goldenem Tuch als Tarnhelm auf dem Kopf schreitet der Gunter-Darsteller durch die Flammen, während der Siegfried-Darsteller aus dem Off singt. Brünnhilde stellt sich schützend vor die Kinder und reißt im Kampf um den Ring dem vermeintlich Unbekannten den Tarnhelm hinunter. Sie erkennt Siegfried, überlässt ihm den Ring und versteht die Welt nicht mehr. Sie wird ihren Kindern entrissen und in einem Käfig der Gibbichungen-Gesellschaft vorgeführt. Sie kämpft buchstäblich wie eine Löwin um die Wahrheit. Sie schüttelt, zieht und zerrt an Siegfried, doch der erkennt sie nicht und sie wird von ihm immer wieder gen Gunther geschubst.

Der Schluss
Brünnhilde verrät Siegfrieds Geheimnis. Die Rheintöchter toben sich nicht im kühlen Nass des Rheines aus, sondern feiern feucht fröhlich in einer Cocktail-Bar irgendwas zwischen Galgenhumor und Endzeitstimmung. Hagen und seine Gefolgschaft feiern da natürlich gerne mit. Siegfried erinnert sich wieder, wird erstochen und schleppt sich zur entgegeneilenden Brünnhilde. Auf dem anschließenden Totenbett streckt er ihr den Ring auf Kommando entgegen. Die mittlerweile vergewaltigte und dem Wahnsinn verfallende Gutrune ersticht Hagen, bevor er einen Versuch starten kann Brünnhilde den Ring zu entreißen. Die somit leicht feministisch angehauchte Vorbemerkung zum Untergang der Götter, wird vor dem Vorhang von einer wirklich unglaublichen Rebecca Teem und einer zusammengekauerten Gutrune weiter bestritten. Im Schlussbild geht der Ring zu den mittlerweile ausgenüchterten Rheintöchtern zurück und Siegfried & Brünnhilde sitzen samt Kinder wie in Stein gemeißelt auf dem heimischen Sofa, während die Götter das zeitliche segnet, Alberich den Vorhang schließt und alles von Neuem beginnen kann.
Die Sänger
Musikalisch war’s insgesamt einfach toll! Mit Rebecca Teem als unglaublich Brünnhilde, konnte Richard Decker als Siegfried zwar nicht mithalten, hat seine Sache aber wirklich mehr als gut gemacht! Andreas Haller als Hagen brauchte ein bisserl um warm zu werden, hat dann aber richtig durchgestartet. Wirklich gut hat mir Ausrine Stundyte als Gutrune gefallen, weil sie neben gesanglicher Ausdruckskraft auch eine tolle Bühnenpräsenz hatte und eine sehr gefühlvolle und differenzierte Interpretation hingelegt hat. Gerard Quinn als ihr Bruder Gunther war ebenfalls wirklich gut, hat mich jetzt aber nicht nachhaltig vom Hocker gehauen. Veronika Waldner hat sowohl die Partie der ersten Norn als auch die der Waltraute übernommen. Mir persönlich war die Stimme mitunter etwas zu fragil, aber ihre schauspielerische Leistung hat das allemal wieder wett gemacht. Und auch der Rest vom Fest war echt toll: Roswitha C. Müller (2. Norn & Wellgunde), Anne Ellersiek   (3. Norn & Woglinde),   Wioletta Hebrowska  (Floßhilde).

Über’s Orchester und dessen musikalische Leitung (Roman Brogli-Sacher) ließ sich anschließend noch in großer Runde ausgiebig streiten. ;) Mir persönlich hat’s gefallen.

Und sonst so….
Toller Abend! Eine wirklich sehenswerte Inszenierung mit starken emotionalen Bildern! Auch wenn die spritzige Inszenierung manchmal auf Kosten des Tiefgangs ging. Richtig schade waren allerdings die Umbauphasen, die mit – wie ich finde – nicht sooo passenden Verlegenheits-Projektionen der Rheinfahrt, etc. überbrückt wurden sowie das mitunter recht spartanische Bühnenbild. Die sowieso schon recht kleine Lübecker Bühne wurde oftmals zusätzlich verkleinert oder mit großen klobigen Elementen gefüllt. Der Abend lebte insbesondere von dem musikalisch hohen Niveau und der wirklich tollen schauspielerischen Leistung. Gerne hätte ich ein Foto vom Schlussaplaus gemacht, wurde aber umgehend daran gehindert. Denn fotographieren ist offensichtlich im Lübecker Theater generell verboten - warum auch immer....

Kommentare:

  1. Hi,

    Ich habe mich darüber beklagt, es zu wenig Opernblogschreiberinnen zu geben. Nun bist Du da. Welcome to the Opera Blog world!

    Du fliegst nach London, um Kaufmanns Aufführung zu erleben? Ich beneide Dich und freue mich auf deinen Bericht. Mach mal bitte viele Fotos. Ich wünsche Dir viel Glück.

    LG
    lotus-eater

    PS: Im Leipziger Theater ist auch Fotografieren verboten.

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  2. :) ja, hab vorhin mal nach anderen opern-blogs gesucht - es gibt wirklich nicht sooooo viele.... :( Und ich mach auf jeden fall fotos und poste sie. liebe grüße!

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  3. Gerade habe ich sie (Rebecca Teem) in Essen als Brünnhilde in der Götterdämmerung erlebt! Grandios!! Sie SINGT auch die höchsten Höhen!! Und hat ein klingendes piano!! Und sie spielt!! Eine Entdeckung!!

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