Sonntag, 21. November 2010

Der Kaiser von Atlantis – Staatstheater Oldenburg

©Ira Schulte
Ein Krieg wird ausgerufen: Alle gegen alle. Doch der Tod entsagt diesem ziellosen Kampf und verweigert allen Beteiligten seinen Dienst. Die Figuren können weder leben noch sterben.

Die Protagonisten befinden sich in einer grausam bedeutungslosen Zwischenwelt, in der alles ist und es doch keinerlei Handlungsspielraum gibt. Handeln ist kein Willensakt mehr, sondern eine externe Unmöglichkeit. Jedes Tun, jede Bewegung scheint absurd und sogar überflüssig. Die Musik ist beklemmend und suchend – wie eine Erinnerung an eine Harmonie. Eine Erinnerung, die angesichts des Grauens nicht mehr zum Leben gehört. Sich jenseits davon befindet. Sie spielt mit Motiven und Ideen, ohne sie jemals auflösen zu können. Zu heroischen Wahnvorstellungen des Kaisers, er könne den Tod doch noch besiegen, ertönt Swing – ohne einer zu sein. Der Tod tritt auf und  besteht auf die Sinnhaftigkeit seiner Selbst als Gärtner des Lebens. Der Kaiser von Atlantis legt sich ihm in den Schoß und die einzig wirkliche Arie erklingt. Zu seinem Tod erheben sich sakrale Gesänge, während eine Geige endlos um Erlösung flehend fidelt. Sterben ohne Tod.

Der Komponist Viktor Ullmann schrieb das Stück im Jahre 1943/44 in Theresienstadt. Wenige Monate später wurde er in Auschwitz ermordet. Er selbst konnte die Aufführung seiner Oper nicht erleben. Die untrennbar mit diesem Stück verbundenen geschichtlichen Ereignisse werden in der Oldenburger Inszenierung aufgegriffen, ohne sie in den Vordergrund zu stellen. Es bleiben Zitate, die als gemeingültige Metaphern bestehen können: Der Harlekin, in einem Meer von Kleidungsstücken hockend, definiert den Beginn eines neuen Tages nur noch danach, ob er seine Kleidung gewechselt hat. Der Trommler – eine Frau – hat trotz Messern im Unterleib und aufgeschnittenen Pulsadern andauernde Wehen, während der Kaiser mit seinem Haustier kuschelt. Ein Lautsprecher verkündet und unterstreicht alle Ereignisse, fast wie ein Prä-Brecht’scher V-Effekt. Berge von Kleidern erheben sich gen Himmel. Herabhängende Kieselsteine, die traditionell auf jüdische Gräber gelegt werden, befinden sich über der gesamten Szenerie.

Kommentare:

  1. Ich persönlich habe ja bisher noch keinerlei Opern Erfahrung. Leider. Meine Erfahrungen begründen Sich alleine auf ARTE, 3 SAT, dem Theater-Kanal und einigen DVDs. Ich denke, all dieses wird eine Erfahrung in einem Opern-Haus nicht ersetzen können.

    Sie haben mir einen Floh ins Ohr gesetzt ^^

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  2. Das mit dem Flo freut mich zu hören! Außerordentlich sogar! :) Eine Oper live zu sehen ist in der Tat nicht mit einer Fernsehübertragung zu vergleichen....

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  3. Aus genau diesem Grund steht dieses Thema auch auf der Prio 1 Liste für das erste Drittel des Jahres 2011.

    Und wie ich gerade gelernt habe, stehe in Deutschland ja die meisten Opernhäuser. Daher sollte es nicht all zu lange dauern, bis ein entsprechendes Stück gefunden und Karten gekauft sind.

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  4. Das Stück klingt interessant. Ich selbst höre gerne klassische Musik, doch habe ich eine Oper noch kein einziges Mal besucht. Mich würde interessieren wie diese Leidenschaft bei dir entfacht ist, ob es ein Stück gibt, welches dir ganz besonders gefällt? Deine Zeilen gefallen mir. Mich interessieren auch die Daten der Aufführungen. Vielleicht finde ich diese, unter "schon gewußt?"
    Das Buch "Puppentod" kann ich dir wärmstens empfehlen.
    Oldenburg ist übrigens meine Heimatstadt. Klein, schön und verträumt - wenn es sich um Oldenburg in Oldenburg handelt.

    Viele liebe Grüße, Tanja
    Genieße das Wochenende ;)

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  5. @Herr MiM: Ja, Opernhäuser gibt es hier zu meinem großen Glück so einige! Und es werden auch in vielen Theatern Opern aufgeführt…. Für eine Beratung in Sachen Stückauswahl stehe ich jederzeit gerne zur Verfügung! :)

    @Tanja: Mich hat das Stück gestern ziemlich begeistert! Aber da die Oper mit ca. 1h recht kurz ist, wird in Oldenburg vorher noch eine weitere Kurzoper gezeigt: Death Knocks. Ein eher witziges, an Woody Allen angelehntes Stück. Beide sind eher modernere Musik. Das muss man mögen und es eignet sich vielleicht nicht sooo gut als erste Oper überhaupt. In Oldenburg wird grad aber auch die Tosca gespielt. Die Inszenierung dort habe ich zwar noch nicht gesehen, aber die Tosca ist einfach eine geniale Oper!! Nicht nur für den Einstieg… :) P.S.: Das Große Haus des Staatstheaters wird grad renoviert und alle dortigen Aufführungen finden im "Fliegerhorst" statt.

    Meine Opern-Leidenschaft hat sich schrittweise entwickelt… Ich war das erste Mal mit sechs Jahren in der Oper und es hat mich nach und nach immer mehr gepackt! ;) Ich gehe eigentlich quer Beet in so ziemlich alles, was mir unter die Nase kommt. Aber ob mir ein Abend so richtig, richtig gut gefällt ist für mich nicht nur vom Stück abhängig: die Interpretation der Sänger, Musiker und der Regie ist mir ebenso wichtig. Wagner, Verdi oder auch Tschaikowsky sind aber meiner Meinung nach eine gute Möglichkeit den Abend perfekt zu machen! ;)

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  6. Das ist ein freundliches Angebot. Ich werde, wenn die Zeit da ist, darauf zurückkommen. Vielen Dank.

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  7. Danke für den Bericht. Von dem Stück habe ich noch nie gehört.

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  8. ich habe die inszenierung der oper hannover von "der kaiser von atlantis" letzte spielzeit gesehen. war sehr gut! ein schwieriges thema ganz originell und einfühlsam umgesetzt. wenn das nochmal läuft, unbedingt ansehen!

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  9. Hi Maike, ich war grad mal auf der seite der oper hannover. leider läuft es diese spielzeit nicht nochmal.... :( ich hab das stück in oldenburg zum ersten mal gesehen und da wäre ein vergleich nicht uninteressant gewesen. aber danke für den tipp - vielleicht steht es ja in der nächsten spielzeit wieder auf dem programm. ;)

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