Montag, 6. Februar 2012

Die Walküre - Staatsoper Hamburg


Ein Hirn ist schon was tolles! – besonders dann, wenn’s funktioniert…. Meins hatte gestern leider einen dicken Aussetzer, so dass ich eine Stunde später als geplant mit dem Zug gen Hamburg gefahren bin. Dieser kam exakt 17 Minuten vor Vorstellungbeginn am Hauptbahnhof an und ich musste mich strategisch passgenau am Zugausgang positionieren, damit ich noch die nächste U-Bahn erwischen konnte. Aber es hat alles geklappt und ich bin noch knapp vor’m Schließen der Türen in den Zuschauerraum gerauscht. :D

Zum Glück – wie ich im Nachhinein sagen muss! Denn den ersten Aufzug zu verpassen ist zwar immer tragisch, aber in diesem Fall wäre es sogar dramatisch tragisch gewesen, denn der Siegmund, Simon O’Neill, hat dermaßen gut gesungen, dass es mir auch noch den letzten Rest meines Hirns weggepustet hat. Die Töne kamen ganz sicher und offensichtlich aus jeder Faser seines Körpers und haben viel mehr transportiert als den reinen Klang. Ich war und bin ernsthaft begeistert! Und habe auch schon seinen Termin-Kalender studiert: leider singt er selten in Reichweite.

Ein weiteres „Leider“ muss man bezüglich der Sieglinde (Heidi Brunner) resümieren: denn sie hat insgesamt nicht sonderlich geglänzt und neben Simon O’Neill wirkte sie richtig farblos. Sie hat mir insgesamt zu schrill und mit viel zu wenig Substanz gesungen sowie zudem noch den einen oder anderen Ton derb versemmelt und/ oder verschluckt. Schade.

Der Wotan wurde gestern Abend von Thomas J. Mayer gesungen, welcher für den erkrankten Falk Struckmann eingesprungen ist. Diesen Besetzungswechsel gab es auch schon 2008 zur A- und B-Premiere der Walküre, denn Herr Stuckmann war damals ebenfalls gesundheitlich lädiert. Damals sang Herr Mayer die Premiere von der Bühnenseite, während jemand anderes spielte (bin mir grad nicht mehr sicher, ob es Herr Struckmann war oder ein Spielleiter, o.ä.). Zur B-Premiere, in der ich damals war, hat er dann die Rolle sowohl gespielt als auch gesungen. Dabei ist ihm eine äußerst charmante Panne unterlaufen:

Die Walküren-Inszenierung von Claus Guth beginnt auf einer riesigen Architektenplatte (die auch schon im Kleinformat im Rheingold Bestandteil der Regie war). Auf dieser Platte lenkte Wotan das Geschehen und so auch die Tatsache, dass Siegmund bei Sieglinde und Hunding (Peter Rose) einkehrte. In der Mitte der Platte befand sich die Tür zum Heim der beiden. Im Laufe der Handlung drehte sich diese Tür immer mal wieder, so dass die Figuren mal drinnen, mal draußen waren. Und jetzt kommt der Kniff: während Sieglinde Siegmund von dem Schwert berichtete, wurde ihre Erinnerung quasi nachgestellt und Wotan erschien, um Notung in die Esche – hier der Türrahmen – zu rammen. Doch Herr Mayer war zur B-Premiere wohl noch nicht ganz firm, was die Regie anging und fand offenbar den dafür vorgesehenen Schlitz nicht, so dass er erst suchte und bohrte, bis er schließlich aufgab und das Schwert an den Türrahmen lehnte. Da sich die Tür aber im weiteren Verlauf immer weiter drehte, verrutsche es und Sieglinde stellte es schließlich wieder aufrecht hin. Schlussendlich fasste sich der Siegmund ein Herz und rammt das Schwert in den vorgesehenen Schlitz – um es kurz darauf heldenhaft wieder herauszuziehen.

Diese kleine Panne war damals Pausengespräch No. I, denn die meisten nahmen an, dass es Bestandteil der Regie sei, dass Wotan nicht in der Lage war, das Schwert in die Esche zu schlagen, während Siegmund es gleichzeitig rein- und rauszog. Ihr könnt euch vorstellen, dass das zu diversen hanebüchenen Interpretationen führte….. Gestern verlief die Nummer mit dem Schwert übrigens reibungslos.

Der zweite Aufzug begann in Walhall. Wotan saß vor seiner Architektenplatte und an der Wand lehnte das Weltenmodell aus dem Rheingold sowie eine Art Puppenhaus, welches sich im dritten Aufzug als Walkürenfelsen entpuppt.

Herr Mayer begann seine Partie leider ein wenig lasch. Ihm fehlte der nötige donnernde Tiefgang für einen ordentlichen Wotan. Allerdings konnte er sich über die Zeit steigern und den Schluss fand ich dann doch recht eindrucksvoll. Lilli Paasikivi passte sowohl stimmlich, als auch darstellerisch gut in die Rolle der Fricka und überredete Wotan, Siegmund zu töten bzw. nicht zu beschützen, äußerst passgenau schnippisch. Catherine Foster finde ich die bessere Besetzung für die Brünnhilde als Deborah Polaski, die sonst regelmäßig die Hamburger Brünnhilde (bis auf die im Siegfried, dafür reicht ihre Stimme nicht) gesungen hat. Frau Foster hätte zu Beginn des zweiten Aufzug allerdings etwas lauter singen können, aber das hat sie im Laufe der Vorstellung korrigiert, so dass sie noch für einige sehr eindrucksvolle Momente sorgen konnte.

Das zweite Bild des zweiten Aufzugs – der Teil, in dem Brünnhilde Siegmund erst töten und dann retten will. Wotan schließlich einschreitet und Siegmund den Kampf mit Hunding verlieren lässt. Sowie Brünnhilde mit Sieglinde abhaut – spielte unter der Architektenplatte, die immer mal wieder, passend zur Handlung, flackert sowie der On-Off-Knopf mal an, mal aus war.

Der letzte Aufzug begann wie immer mit dem Walkürenritt auf dem Walkürenfelsen. Die Walküren leben in der Guth-Regie in einem Keller (zur Premiere war übrigens grad das Thema Amstetten aktuell), welcher nur mit einer, oben gelagerten, Leiter betreten werden konnte. Dorthin flohen Brünnhilde und Sieglinde, um Schutz zu suchen. Doch die Schwestern, die ihre Kleider falschrum trugen, Kampfszenen probten und sich im nächsten Moment schreckhaft in ihren Hochbetten versteckten, waren viel zu verängstigt, um sich dem Vater entgegen zu stellen bzw. sich seinem Wunsch zu widersetzen.

So kam es, wie es kommen musste: Sieglinde konnte zwar fliehen, doch nur, weil Brünnhilde sich dem Zorn Wotans stellte. Welcher sofort klar machte: „Was sonst du warst, sagte dir Wotan: was jetzt du bist, das sage dir selbst! Wunschmaid bist du nicht mehr; Walküre bist du gewesen: nun sei fortan, was so du noch bist!“

Und obwohl sie durch ihre Entscheidung Siegmund retten zu wollen, dem eigentlichen Willen Wotans entsprochen hat, hat sie sich durch das Widersetzen seiner Befehle quasi zu einer eigenen Identität emanzipiert. Das nun folgende Duett mit Wotan, bestritt Brünnhilde somit mintunter auf Augenhöhe und stand mit Wotan z.T. Rücken an Rücken. Dann folgte der Feuerzauber und bevor Brünnhilde ihre Strafe empfing, blickte sie noch einmal ihrem Spiegelbild entgegen….

Diese Stelle kann auch schon ein wenig als Ausblick auf den Siegfried gesehen werden, in dem Claus Guth die Suche nach der eigenen Identität als Kernstück in seiner Regie aufgreift und sowohl Spiegel als auch geschlossene, winzige, riesige, offene, zerbrochene und milchige Fenster immer wieder Teil der Kulissen sind.

Die musikalische Leitung hatte erneut Simone Young inne und sie hat solide durch den Abend geführt.

Vom Schlussapplaus kann ich leider nicht berichten, weil ich zeitgleich mit dem geschlossenen Vorhang den Saal im Sprint verlassen habe, denn sonst hätte ich meinen Zug um 21.15h nicht bekommen und hätte mich zwischen einige eisige Stunden warten + teuren IC oder einer 2-½-stündigen Bummelfahrt inklusive Schienenersatzverkehr entscheiden müssen.

Kommentare:

  1. großartig dein kommentar auf dem lady-blog - du sprichst mir aus der seele!
    was machst du eigentlich beruflich wenn ich fragen darf? oder studierst du noch? gehst du auch gerne außerhalb hamburgs in die oper? ich würde gerne mehr in andere opernhäuser gehen, kann es mir aber leider noch nicht leisten - aber hoffentlich dieses jahr mal!
    lieben dank dass du so treu auf meinem blog vorbeischaust und kommentierst, das bedeutet mir wirklich sehr viel!
    xxx Anita

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    1. Hallo Anita, vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Hab' mich sehr darüber gefreut und dir schnell mal eine Mail geschrieben. :)

      Liebe Grüße, Sarah

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P.S.: ....und hier wird gnadenlos geduzt :D