Mittwoch, 22. Februar 2012

Götterdämmerung - Staatsoper Hamburg

Vor der Aufführung trat Generalmusikdirektorin und musikalische Leiterin des Abends Simone Young, sichtlich gerührt, vor den Vorhang, um dem Hamburger Publikum den Tod der Star-Sopranistin Elizabeth Connell mitzuteilen. Sie war am Samstag im Alter von 65 Jahren verstorben. Connell sang in Bayreuth, Salzburg, Wien, der Met, Scala, DOB, usw. – ihr kennt die Liste. Zudem sang sie seit den 80er Jahren regelmäßig an der Hamburgischen Staatsoper Rollen, wie die Lady Macbeth, die Senta, die Isolde und zuletzt 2009 die Turandot. Frau Young widmete ihr die Hamburger Aufführung der Götterdämmerung.


Der Ring-Schluss trifft mich ja immer besonders hart. Aber vorgestern war's echt speziell. Am Ende hab' ich mich in ein anderes Jahrhundert gewünscht, in dem Fächer gängig waren, denn Brünnhildes Schlussmonolog hat mich echt umgehauen und ein wenig Extra-Luft und/oder Sauerstoffzelt wäre wünschenswert gewesen! ;)

Aber fangen wir von vorne an: Die Götterdämmerung beginnt so, wie der Siegfried aufgehört hat: Siegfried und Brünnhilde befinden sich nicht beieinander, sondern in getrennten Räumen auf den zweckmäßig renovierten Walkürenfelsen. Brünnhilde liegt im Bett, über ihr der immer noch zerstörte Spiegel. Siegfried macht Frühstück, hinter ihm die, drei nun reparierten, Fenster. Die Nornen bewegen sich wie Geister um die beiden herum. Siegfried packt schlussendlich seine Proviantbox, noch bevor Brünnhilde ihr „Ja“ für Siegfrieds Reise gibt.

Siegfried verlässt den Walkürenfelsen und schlagartig ist um ihn herum alles schwarz – doch noch bevor er selbst eine Richtung einschlagen kann, wird er, nicht nur sinnbildlich, sondern tatsächlich vom Gibichungenpalast überrollt. Jener ist ein riesiges 2-stöckiges Gebäude aus verwinkelten Räumen, die a) immer mal wieder neu gestaltet werden und b) dreht sich das Ganze auch noch permanent. Sie sollen die verschlungen und schwer zu durchschauenden Wege, Verträge und Intrigen der Macht symbolisieren. „Hör' und hüte dich: Verträgen halte Treu'!/  Was du bist, bist du nur durch Verträge;/ bedungen ist, wohl bedacht deine Macht.“ (Fasolt zu Wotan im Rheingold).
Einen besonderen Kniff in der Konstruktion stellen die, schon aus den anderen Teilen bekannten, Architektenplatten dar: sie sind in der Decke integriert und sind eine Art Fenster von dem die einstigen Machthaber versuchen Einfluss zu nehmen. Z.B. versucht Wotan, während Waltraute Brünnhilde zu überreden versucht den Ring abzugeben, vergeblich Einfluss auf Brünnhilde zu nehmen. Weiter steht Alberich im Zwiegespräch mit Hagen auch über ihn und lenkt ihn wie eine Marionette.

Gunther und Gutrune treten als Upper-Class-Kids auf und werden von Hagen instrumentalisiert. Der Clou an Claus Guths Götterdämmerung ist, dass Siegfried weder den Vergessens- noch den Erinnerungstrank trinkt. Dabei setzt Guth auf die mehr als traurige Vorgeschichte Siegfrieds, in der er stets instrumentalisiert wurde und ohne moralische Vorbilder aufgewachsen ist. Woher soll also auf einmal die psychische Standhaftigkeit kommen, sich den Intrigen entgegenzustemmen? Eine durchaus bestechende Logik. Doch Siegfried bleibt nicht in seiner Entwicklung stehen und besinnt sich im dritten Aufzug, überreicht Hagen Nothung und inszeniert somit seinen Tod. Genau wie Brünnhilde zieht er die Konsequenz aus seinen Handlungen.

Der Schluss bietet in Hamburg beeindruckende Bilder! Nachdem Siegfried gefallen ist, wandelt er im Tod den Weg durch das Labyrinth zurück zum Walkürenfelsen und wartet dort auf Brünnhilde. Während sich Hagens Gefolgschaft verzweifelt vor dem Feuer retten will, ziehen die Götter fanatisch feiernd ihrem Untergang entgegen. Brünnhilde steht vor dem lodernden Machtpalast, der langsam immer weiter in die Ferne schweift. In ihrem Tod findet sie ebenfalls den Weg zurück zum Walkürenfelsen. Sie streckt ihre Arme Siegfried entgegen und stirbt.

Musikalisch war der Abend gut und rund! Catherine Foster (Brünnhilde) konnte sich nochmals steigern und auch Christian Franz (Siegfried) war in guter Verfassung. Einen großartigen Auftritt legte ebenfalls Robert Bork als Gunther hin. Definitiv ein Sänger, den man sich merken sollte. Seine Bühnen-Schwester Gutrune, Anna Gabler, war gut – aber eben auch nicht mehr. Mit Attila Jun als Hagen musste ich ein wenig umdenken: ich hatte noch immer Hans-Peter Königs grandiose Interpretation aus der Met im Ohr und dagegen kam er einfach nicht an. John Wegners Partie (Alberich) war kurz aber oho. Deborah Humble als Waltraute konnte mich leider nicht überzeugen – auch hier hatte ich noch die Met-Übertragung im Sinn: Waltraut Meier war einfach rundum genial!

Hier noch ein Clip, in anderer Besetzung, von der Premieren-Reihe 2010:




Montag, 20. Februar 2012

Jeffrey Tate/ Deborah Voigt/ Hamburger Symphoniker - Laeiszhalle Hamburg


Der Samstag-Abend begann mit Strawinsky und seinem Ballett „Apollon musagète“, welches er 1928 als Auftragsarbeit der amerikanischen Mäzenin Elizabeth Sprague Coolidge für das Washington Festival of Contemporary Music komponierte. Coolidge war eine der bedeutendsten Förderinnen von zeitgnössischer Musik ihrer Zeit. Sie gab z.B. Stücke bei Béla Batrók, Benjamin Britten, Sergei Prokofjew, Maurice Ravel oder auch Arnold Schönberg in Auftrag.

Über die Komposition zu dem Ballett heißt es von Strawinsky selbst: „Am meisten schien mir dazu die diatonische Schreibweise zu passen. Die Klarheit dieses Stils bestimmte auch die Wahl der Instrumente. [...] Es lockte mich, eine Musik zu komponieren, bei der das melodische Prinzip im Mittelpunkt steht. Welche Freude, sich wieder dem vielstimmigen Wohllaut der Saiten hinzugeben und aus ihm das polyphone Gewebe zu wirken, denn durch nichts wird man dem Geist des klassischen Tanzes besser gerecht, als wenn man die Flut der Melodie in den getragenen Gesang der Saiten ausströmen lässt.“

Ich persönlich muss sagen, dass ich das Stück bisher noch nie zuvor live gehört habe und auch nicht sonderlich konzentriert bei der Sache war, da ich doch recht gespannt auf den zweiten Teil und insbesondere auf Deborah Voigt, die ich ja schon letzte Woche in der Met-Live-Übertragung der Götterdämmerung gesehen habe, gewartet habe. In jenem wurden Auszüge aus Wagners Götterdämmerung gespielt: begonnen wurde mit dem Sonnenaufgang zu Beginn des ersten Aufzugs, daran knüpfte Siegfrieds Rheinfahrt an, gefolgt vom Trauermarsch und schließlich vollendet von Brünnhildes Schlussmonolog.

Wie den meisten aufgefallen sein dürfte, ist in der Aufzählung nur ein Stück, wenn auch ein imposantes, enthalten in dem Frau Voigt zum Einsatz kam, was ich außerordentlich Schade fand. Dies sahen meines Erachtens die meisten Konzertbesucher, die da waren – muss man sagen, denn es waren erschreckend wenige da: so leer habe ich weder die Laeiszhalle noch irgendeinen anderen Konzertsaal jemals gesehen, auch so. Umso enttäuschender war es, dass sie sich, trotz langem Bitten und viel Applaus, zu keiner Zugabe hinreißen ließ.

Nichts desto trotz war der II. Teil durchaus hörenswert: die Voigt hat nach einigen anfänglichen Textpatzern wundervoll gesunden und der Orchesterklang war wirklich beeindruckend. Zumal durch den Stufenaufbau der Musikergruppen ein völlig anderer Klangmix entstand. Jeffrey Tate verstand es außerdem Wagner an den langsamen Stellen langsam genug und an den schnellen Stellen schnell genug zu dirigieren. Klingt simpel, kommt aber selten vor – wie ich finde. Und was uns seltsamer Weise alle vom Hocker gehauen hat, war die Triangel! Keiner von uns, und wir waren 10, hatte sie bisher jemals dermaßen markant bemerkt.

Das Ganze wurde übrigens auf DVD aufgezeichnet. Finanziert haben die Hamburger Symphoniker dieses Projekt erstmals via Crowdfounding.

Mittwoch, 15. Februar 2012

Siegfried - Staatsoper Hamburg

Hier nun mein, leider etwas verspäteter, Eindruck vom Hamburger Siegfried am letzten Sonntag:

Regisseur Claus Guth ließ den Siegfried auf der Bühne als das erscheinen, was er letztendlich ist: nämlich ein pubertierender Junge, der sich alleingelassen und recht ziellos durch die komplette Sagenwelt prügelt. Christian Franz hat diese Partie, wie gewohnt, nicht nur gut gesungen, sondern auch einmalig toll gespielt: Man hat ihm den aggressiven Jungen, der niemals stillsitzen kann und schnell draufhaut ebenso abgenommen, wie die quälende Identitätssuche, die ihn nicht zur Ruhe kommen lässt. Mit Tiermasken verkleidet suchte Siegfried verzweifelt nach seinem Ursprung und seiner Identität.

Mime, sehr gelungen interpretiert von Jürgen Sacher, war mit den quälenden Fragen des Jungen völlig überfordert und verkroch sich am liebsten, zusammen mit diversen Pillen, in seinem Bett. Er hatte es sich vermutlich einfacher vorgestellt ein Kind nach seinen Vorstellungen zu formen und hatte nun  - da Siegfried stärker war als er und eigentlich auch schon nicht mehr in sein Kinderbett so richtig reinpassen mochte  - die Kontrolle verloren. Mime war (schon längst) völlig wahnsinnig und geplagt von etlichen Ticks. Siegfried tat einem richtig Leid, vor allem da er immer noch viele sehr kindliche Eigenschaften hatte. Er schleppte z.B. ständig eine Puppe mit sich rum, die ihm äußerst ähnlich sah und wohl so etwas, wie seine Familie für ihn symbolisierte.

Den Wanderer/ Wotan versuchte Mime erfolglos von hinten zu erdrosseln und bekam schließlich doch noch den entscheidenden Tipp zur Neukonstruktion des Schwertes Nothung. Falk Struckmann war am Sonntag wieder gesund und konnte somit wieder auf der Bühne stehen. Seine Stimme donnerte mit viel Ausdruck eindrucksvoll die Partie und auch körperlich schien er bei Kräften, denn er rammte seinen Speer dann doch etwas zu heftig in den Kulissenboden, so dass dieser auseinandersprang.  

Als Siegfried schließlich von seiner Herkunft erfuhr, schmiedete er wahnhaft, aggressiv und gleichzeitig euphorisch das Schwert mithilfe aller erdenklichen Alltagsgegenstände: Er zerlegte, als wenn es kein Morgen mehr geben würde, die komplette Einrichtung. Selbst seine Puppe musste dran glauben. Am Ende des ersten Aufzugs presste Siegfried sein Gesicht gegen eine kleine milchige Scheibe zur Außenwelt. Eins war klar: er wird niemals wieder zurückkehren.

Im zweiten Aufzug fanden sich Mime und Siegfried vor der Höhle des Riesen Fafner (Wilhelm Schwinghammer) ein. Alberich, grandios interpretiert von John Wegner, versuchte sein sinnloses Dasein in Alkohol zu ertränken und war genau wie Mime, ohne mit der Wimper zu zucken, bereit, Siegfried zugunsten des Rings zu opfern. Die Kulisse erinnerte an einen DDR-Zoo: kahle zweckmäßige Fliesen kleideten den Boden vor der Höhle ein, welche sich hinter einer riesigen zerbrochenen Scheibe befand. Dort wucherte seit Jahren eine Art Urwald vor sich hin. Mit dem Erschlagen der vermeintlichen Bestie fiel die Blätterwand und eine weitere Wand trat zum Vorschein.

Der Waldvogel (gesungen von einer etwas schwächelnden Gabriele Rossmanith) kann in der Guth-Inszenierung als eine Art innere Stimme verstanden werden, die Siegfried zu entschlüsseln lernt. Er trat als Spiegelbild von Siegfried auf. Doch nachdem Siegfried Fafner erschlagen hatte, musste er sich erstmal mit den nach dem Ring geifernden Männern auseinandersetzen. Mime berichtete, nicht einmal hinter vorgehaltener Hand nur zu sich selbst, seine mörderischen Pläne, sondern sagte es Siegfried frei heraus ins Gesicht. Dass Siegfried ihn dann im letzten Augenblick aus Notwehr erschlug war gleichzeitig Erlösung wie auch die Erkenntnis, dass er nun absolut auf sich gestellt ist.

Im dritten Aufzug suchte Wotan Erda (Deborah Humble) in ihrer allwissenden Bibliothek auf und scheiterte schließlich daran Siegfried aufzuhalten. Wotans Macht war gebrochen. Siegfried konnte ungehindert seine Suche nach Brünnhilde fortsetzen, die von Catherine Foster wirklich wunderbar gesungen wurde. Ihre Stimmfarbe ist einmalig schön.

Da seit dem Feuerzauber bekanntlich einige Zeit vergangen war, glich Brünnhildes, schon im ursprünglichen Zustand nicht gerade wohnlichem zu Hause, nun einer völligen Ruine. Die obere Etage war heruntergekracht und Siegfried stand vor drei Fenstern: einem geschlossenen (erster Aufzug), einem zerbrochenen (zweiter Aufzug) und einem dritten, welches sich öffnen ließ.

Siegfried küsste Brünnhilde wach, musste jedoch feststellen, dass diese so gar nicht über seine Anwesenheit erfreut war. Hier nahm Claus Guth das Libretto beim Wort und ließ Siegfried sogar resigniert den Walkürenfelsen verlassen – um ihn schließlich doch noch für einen zweiten Versuch zurückkehren zu lassen. Am Ende zerschlug Siegfried den Spiegel (den man schon aus der Walküre kannte) und die beiden bestritten das Liebesduett nicht in inniger Umarmung, sondern nebeneinander. Sie zerfledderten Bücher (das Wissen der Nornen und Götter).

Als ich die Regie das erste Mal gesehen habe, hat mich die Oper sehr an die Zauberflöte erinnert. Auch da spielt ja der Konflikt Wissen/ Vernunft vs. Natur/ Emotion in der eigenen Identitätssuche eine große Rolle.  Nur dass es hier eher umgekehrt ist: Bei Mozart symbolisiert Sarastro, als Mann, das Wissen und die Königin der Nacht, als Frau sowie der Papageno, als na ja, irgendwie triebhaftes schon fast tierisches Wesen, die Natur.