Donnerstag, 23. Februar 2012
Mittwoch, 22. Februar 2012
Götterdämmerung - Staatsoper Hamburg
Vor
der Aufführung trat Generalmusikdirektorin und musikalische Leiterin des Abends Simone Young,
sichtlich gerührt, vor den Vorhang, um dem Hamburger Publikum den Tod der Star-Sopranistin
Elizabeth Connell mitzuteilen. Sie war am Samstag im Alter von 65 Jahren
verstorben. Connell sang in Bayreuth, Salzburg, Wien, der Met, Scala, DOB, usw. –
ihr kennt die Liste. Zudem sang sie seit den 80er Jahren regelmäßig an der
Hamburgischen Staatsoper Rollen, wie die Lady Macbeth, die Senta, die Isolde
und zuletzt 2009 die Turandot. Frau Young widmete ihr die Hamburger Aufführung der Götterdämmerung.
Der Ring-Schluss trifft mich ja immer besonders hart. Aber vorgestern war's echt speziell. Am Ende hab' ich mich in ein anderes Jahrhundert gewünscht, in dem Fächer gängig waren, denn Brünnhildes Schlussmonolog hat mich echt umgehauen und ein wenig Extra-Luft und/oder Sauerstoffzelt wäre wünschenswert gewesen! ;)
Aber fangen wir von vorne an: Die
Götterdämmerung beginnt so, wie der Siegfried aufgehört hat: Siegfried und
Brünnhilde befinden sich nicht beieinander, sondern in getrennten Räumen auf
den zweckmäßig renovierten Walkürenfelsen. Brünnhilde liegt im Bett, über ihr
der immer noch zerstörte Spiegel. Siegfried macht Frühstück, hinter ihm die,
drei nun reparierten, Fenster. Die Nornen bewegen sich wie Geister um die
beiden herum. Siegfried packt schlussendlich seine Proviantbox, noch bevor
Brünnhilde ihr „Ja“ für Siegfrieds Reise gibt.
Siegfried
verlässt den Walkürenfelsen und schlagartig ist um ihn herum alles schwarz – doch
noch bevor er selbst eine Richtung einschlagen kann, wird er, nicht nur
sinnbildlich, sondern tatsächlich vom Gibichungenpalast überrollt. Jener ist
ein riesiges 2-stöckiges Gebäude aus verwinkelten Räumen, die a) immer mal
wieder neu gestaltet werden und b) dreht sich das Ganze auch noch permanent. Sie
sollen die verschlungen und schwer zu durchschauenden Wege, Verträge und
Intrigen der Macht symbolisieren. „Hör' und hüte dich: Verträgen halte Treu'!/ Was du bist, bist du nur durch Verträge;/ bedungen
ist, wohl bedacht deine Macht.“ (Fasolt zu Wotan im Rheingold).
Einen besonderen Kniff in der
Konstruktion stellen die, schon aus den anderen Teilen bekannten,
Architektenplatten dar: sie sind in der Decke integriert und sind eine Art
Fenster von dem die einstigen Machthaber versuchen Einfluss zu nehmen. Z.B.
versucht Wotan, während Waltraute Brünnhilde zu überreden versucht den Ring
abzugeben, vergeblich Einfluss auf Brünnhilde zu nehmen. Weiter steht Alberich
im Zwiegespräch mit Hagen auch über ihn und lenkt ihn wie eine Marionette.
Gunther und Gutrune treten
als Upper-Class-Kids auf und werden von Hagen instrumentalisiert. Der Clou an
Claus Guths Götterdämmerung ist, dass Siegfried weder den Vergessens- noch den
Erinnerungstrank trinkt. Dabei setzt Guth auf die mehr als traurige Vorgeschichte
Siegfrieds, in der er stets instrumentalisiert wurde und ohne moralische Vorbilder
aufgewachsen ist. Woher soll also auf einmal die psychische Standhaftigkeit
kommen, sich den Intrigen entgegenzustemmen? Eine durchaus bestechende Logik.
Doch Siegfried bleibt nicht in seiner Entwicklung stehen und besinnt sich im
dritten Aufzug, überreicht Hagen Nothung und inszeniert somit seinen Tod. Genau
wie Brünnhilde zieht er die Konsequenz aus seinen Handlungen.
Der Schluss bietet in Hamburg
beeindruckende Bilder! Nachdem Siegfried gefallen ist, wandelt er im Tod den
Weg durch das Labyrinth zurück zum Walkürenfelsen und wartet dort auf
Brünnhilde. Während sich Hagens Gefolgschaft verzweifelt vor dem Feuer retten
will, ziehen die Götter fanatisch feiernd ihrem Untergang entgegen. Brünnhilde
steht vor dem lodernden Machtpalast, der langsam immer weiter in die Ferne
schweift. In ihrem Tod findet sie ebenfalls den Weg zurück zum Walkürenfelsen. Sie
streckt ihre Arme Siegfried entgegen und stirbt.
Musikalisch war der Abend gut
und rund! Catherine Foster (Brünnhilde) konnte sich nochmals steigern und auch
Christian Franz (Siegfried) war in guter Verfassung. Einen großartigen Auftritt
legte ebenfalls Robert Bork als Gunther hin. Definitiv ein Sänger, den man sich
merken sollte. Seine Bühnen-Schwester Gutrune, Anna Gabler, war gut – aber eben
auch nicht mehr. Mit Attila Jun als Hagen musste ich ein wenig umdenken: ich
hatte noch immer Hans-Peter Königs grandiose Interpretation aus der Met im Ohr
und dagegen kam er einfach nicht an. John Wegners Partie (Alberich) war kurz
aber oho. Deborah Humble als Waltraute konnte mich leider nicht überzeugen –
auch hier hatte ich noch die Met-Übertragung im Sinn: Waltraut Meier war
einfach rundum genial!
Hier noch ein Clip, in
anderer Besetzung, von der Premieren-Reihe 2010:
Montag, 20. Februar 2012
Jeffrey Tate/ Deborah Voigt/ Hamburger Symphoniker - Laeiszhalle Hamburg
Der
Samstag-Abend begann mit Strawinsky und seinem Ballett „Apollon musagète“, welches er
1928 als Auftragsarbeit der amerikanischen Mäzenin Elizabeth Sprague Coolidge
für das Washington Festival of Contemporary Music komponierte. Coolidge war
eine der bedeutendsten Förderinnen von zeitgnössischer Musik ihrer Zeit. Sie gab
z.B. Stücke bei Béla Batrók, Benjamin Britten, Sergei Prokofjew, Maurice Ravel
oder auch Arnold Schönberg in Auftrag.
Über die Komposition zu dem
Ballett heißt es von Strawinsky selbst: „Am meisten schien mir dazu die
diatonische Schreibweise zu passen. Die Klarheit dieses Stils bestimmte auch
die Wahl der Instrumente. [...] Es lockte mich, eine Musik zu komponieren, bei
der das melodische Prinzip im Mittelpunkt steht. Welche Freude, sich wieder dem
vielstimmigen Wohllaut der Saiten hinzugeben und aus ihm das polyphone Gewebe
zu wirken, denn durch nichts wird man dem Geist des klassischen Tanzes besser
gerecht, als wenn man die Flut der Melodie in den getragenen Gesang der Saiten
ausströmen lässt.“
Ich persönlich muss sagen,
dass ich das Stück bisher noch nie zuvor live gehört habe und auch nicht
sonderlich konzentriert bei der Sache war, da ich doch recht gespannt auf den
zweiten Teil und insbesondere auf Deborah Voigt, die ich ja schon letzte Woche
in der Met-Live-Übertragung der Götterdämmerung gesehen habe, gewartet habe. In jenem wurden Auszüge aus Wagners Götterdämmerung gespielt: begonnen wurde mit dem
Sonnenaufgang zu Beginn des ersten Aufzugs, daran knüpfte Siegfrieds
Rheinfahrt an, gefolgt vom Trauermarsch und schließlich vollendet von
Brünnhildes Schlussmonolog.
Wie
den meisten aufgefallen sein dürfte, ist in der Aufzählung nur ein Stück, wenn auch ein imposantes,
enthalten in dem Frau Voigt zum Einsatz kam, was ich außerordentlich Schade
fand. Dies sahen meines Erachtens die meisten Konzertbesucher, die da waren – muss man sagen, denn es waren
erschreckend wenige da: so leer habe ich weder die Laeiszhalle noch irgendeinen
anderen Konzertsaal jemals gesehen, auch so.
Umso enttäuschender war es, dass sie sich, trotz langem Bitten und viel
Applaus, zu keiner Zugabe hinreißen ließ.
Nichts
desto trotz war der II. Teil durchaus hörenswert: die Voigt hat nach einigen
anfänglichen Textpatzern wundervoll gesunden und der Orchesterklang war
wirklich beeindruckend. Zumal durch den Stufenaufbau der Musikergruppen ein
völlig anderer Klangmix entstand. Jeffrey Tate verstand es außerdem Wagner an
den langsamen Stellen langsam genug und an den schnellen Stellen schnell genug
zu dirigieren. Klingt simpel, kommt aber selten vor – wie ich finde. Und was
uns seltsamer Weise alle vom Hocker gehauen hat, war die Triangel! Keiner von
uns, und wir waren 10, hatte sie bisher jemals dermaßen markant bemerkt.
Das Ganze wurde übrigens auf DVD aufgezeichnet. Finanziert haben die Hamburger Symphoniker dieses Projekt erstmals via Crowdfounding.
Mittwoch, 15. Februar 2012
Siegfried - Staatsoper Hamburg
Regisseur
Claus Guth ließ den Siegfried auf der Bühne als das erscheinen, was er
letztendlich ist: nämlich ein pubertierender Junge, der sich alleingelassen und
recht ziellos durch die komplette Sagenwelt prügelt. Christian Franz hat diese
Partie, wie gewohnt, nicht nur gut gesungen, sondern auch einmalig toll
gespielt: Man hat ihm den aggressiven Jungen, der niemals stillsitzen kann und
schnell draufhaut ebenso abgenommen, wie die quälende Identitätssuche, die ihn
nicht zur Ruhe kommen lässt. Mit Tiermasken verkleidet suchte Siegfried
verzweifelt nach seinem Ursprung und seiner Identität.
Mime,
sehr gelungen interpretiert von Jürgen Sacher, war mit den quälenden Fragen des
Jungen völlig überfordert und verkroch sich am liebsten, zusammen mit diversen
Pillen, in seinem Bett. Er hatte es sich vermutlich einfacher vorgestellt ein Kind
nach seinen Vorstellungen zu formen und hatte nun - da Siegfried stärker war als er und eigentlich auch schon nicht mehr in sein Kinderbett so richtig
reinpassen mochte - die Kontrolle verloren. Mime war (schon längst) völlig
wahnsinnig und geplagt von etlichen Ticks. Siegfried tat einem richtig Leid,
vor allem da er immer noch viele sehr kindliche Eigenschaften hatte. Er
schleppte z.B. ständig eine Puppe mit sich rum, die ihm äußerst ähnlich sah und
wohl so etwas, wie seine Familie für ihn symbolisierte.
Den
Wanderer/ Wotan versuchte Mime erfolglos von hinten zu erdrosseln und bekam
schließlich doch noch den entscheidenden Tipp zur Neukonstruktion des Schwertes
Nothung. Falk Struckmann war am Sonntag wieder gesund und konnte somit wieder
auf der Bühne stehen. Seine Stimme donnerte mit viel Ausdruck eindrucksvoll die
Partie und auch körperlich schien er bei Kräften, denn er rammte seinen Speer
dann doch etwas zu heftig in den Kulissenboden, so dass dieser
auseinandersprang.
Als
Siegfried schließlich von seiner Herkunft erfuhr, schmiedete er wahnhaft,
aggressiv und gleichzeitig euphorisch das Schwert mithilfe aller erdenklichen
Alltagsgegenstände: Er zerlegte, als wenn es kein Morgen mehr geben würde, die
komplette Einrichtung. Selbst seine Puppe musste dran glauben. Am Ende des ersten
Aufzugs presste Siegfried sein Gesicht gegen eine kleine milchige Scheibe zur
Außenwelt. Eins war klar: er wird niemals wieder zurückkehren.
Im
zweiten Aufzug fanden sich Mime und Siegfried vor der Höhle des Riesen Fafner
(Wilhelm Schwinghammer) ein. Alberich, grandios interpretiert von John Wegner,
versuchte sein sinnloses Dasein in Alkohol zu ertränken und war genau wie Mime,
ohne mit der Wimper zu zucken, bereit, Siegfried zugunsten des Rings zu opfern.
Die Kulisse erinnerte an einen DDR-Zoo: kahle zweckmäßige Fliesen kleideten den
Boden vor der Höhle ein, welche sich hinter einer riesigen zerbrochenen Scheibe
befand. Dort wucherte seit Jahren eine Art Urwald vor sich hin. Mit dem
Erschlagen der vermeintlichen Bestie fiel die Blätterwand und eine weitere Wand
trat zum Vorschein.
Der
Waldvogel (gesungen von einer etwas schwächelnden Gabriele Rossmanith) kann in
der Guth-Inszenierung als eine Art innere Stimme verstanden werden, die Siegfried
zu entschlüsseln lernt. Er trat als Spiegelbild von Siegfried auf. Doch nachdem
Siegfried Fafner erschlagen hatte, musste er sich erstmal mit den nach dem Ring
geifernden Männern auseinandersetzen. Mime berichtete, nicht einmal hinter
vorgehaltener Hand nur zu sich selbst, seine mörderischen Pläne, sondern sagte es
Siegfried frei heraus ins Gesicht. Dass Siegfried ihn dann im letzten
Augenblick aus Notwehr erschlug war gleichzeitig Erlösung wie auch die
Erkenntnis, dass er nun absolut auf sich gestellt ist.
Im
dritten Aufzug suchte Wotan Erda (Deborah Humble) in ihrer allwissenden
Bibliothek auf und scheiterte schließlich daran Siegfried aufzuhalten. Wotans
Macht war gebrochen. Siegfried konnte ungehindert seine Suche nach Brünnhilde
fortsetzen, die von Catherine Foster wirklich wunderbar gesungen wurde. Ihre
Stimmfarbe ist einmalig schön.
Da
seit dem Feuerzauber bekanntlich einige Zeit vergangen war, glich Brünnhildes,
schon im ursprünglichen Zustand nicht gerade wohnlichem zu Hause, nun einer
völligen Ruine. Die obere Etage war heruntergekracht und Siegfried stand vor
drei Fenstern: einem geschlossenen (erster Aufzug), einem zerbrochenen (zweiter
Aufzug) und einem dritten, welches sich öffnen ließ.
Siegfried
küsste Brünnhilde wach, musste jedoch feststellen, dass diese so gar nicht
über seine Anwesenheit erfreut war. Hier nahm Claus Guth das Libretto beim Wort
und ließ Siegfried sogar resigniert den Walkürenfelsen verlassen – um ihn
schließlich doch noch für einen zweiten Versuch zurückkehren zu lassen. Am Ende
zerschlug Siegfried den Spiegel (den man schon aus der Walküre kannte) und die beiden bestritten das Liebesduett nicht
in inniger Umarmung, sondern nebeneinander. Sie zerfledderten Bücher (das
Wissen der Nornen und Götter).
Als
ich die Regie das erste Mal gesehen habe, hat mich die Oper sehr an die
Zauberflöte erinnert. Auch da spielt ja der Konflikt Wissen/ Vernunft vs. Natur/
Emotion in der eigenen Identitätssuche eine große Rolle. Nur dass es hier
eher umgekehrt ist: Bei Mozart symbolisiert Sarastro, als Mann, das Wissen und
die Königin der Nacht, als Frau sowie der Papageno, als na ja, irgendwie
triebhaftes schon fast tierisches Wesen, die Natur.
Abonnieren
Posts (Atom)

