Dienstag, 27. November 2012

La Bohème - Staatstheater Oldenburg

Paul Zoller (Inszenierung) lässt die Oldenburger La Bohème im Hier und Heute spielen. Die Künstler treffen sich im ersten Bild nicht in einer abgerockten Pariser Wohnung, sondern vor einer Imbissbude mit Plastikstehtischen. Sie trinken Dosenbier und verbrennen, um sich zu wärmen, Rodolfos Manuskript in einem kleinen Mülleimer. Hier wird nix Romantisiert. Über der Szenerie hängt ein riesiger Weihnachtsstern und suggeriert dem Zuschauer die Parallelen zwischen dem Setting von einst in der Krippe und dem vor dem Bretterbüdchen.

Im schrillen Kontrast dazu spielt das zweite Bild in einem glitzernden Bling-Bling Glamour-Kaufhaus á la KaDeWe. Die Künstler sind Teil der Deko. In Eisbären- und Elchkostümen finden sie sich zwischen überdimensionalen Sektflaschen, Weihnachtsmännern und Hummern wieder. Drumherum wuselt der vorweihnachtliche schrille Konsumwahnsinn. Verstärkt wird das Ganze indem der Chor überall im Zuschauerraum positioniert wird. Mit Einkaufstüten und Kindern an den Händen eilen sie durch die Reihen und Ränge. Konfetti wird ins Parkett geworfen und Pagen weisen den Weg. Ein recht gelungenes Bild, wie ich finde, das den Kontrast der prekären Tristesse im ersten Bildes unterstreicht.

Im dritten Bild folgt der weitere Absturz. Die Protagonisten streifen allein und resigniert durch die post-weihnachtlichen Müllberge. Kehren für den unumgänglichen Tod Mimis nocheinmal zu der Imbissbude zurück. Dort erlischt bedeutungsschwanger der Weihnachtsstern. Mimi versucht im Todeskampf Intimität zu Rodolfo herzustellen und reißt sich die Kleider vom Leib. Doch scheitert auch darin. Dieses letzte Bild ist auf eine für die Bohème ungewohnt unkitschige Weise sehr herzzerreißend. Mimi stirbt allein, während die anderen hilflos daneben stehen.

In musikalischer Hinsicht war die Aufführung auf einem soliden Niveau: Roger Epple führte das Orchester sehr klangdicht durch die Partitur. Leider hier und da mit etwas zu viel Wums, so dass es die Sänger des Öfteren schwer hatten dagegen anzusingen. Angela Bic sang die Mimi sehr ausdifferenziert, mit viel Schmelz und sorgte insbesondere im letzten Bild für Gänsehaut. Daniel Ohlmann (Rodolfo) ließ sich als leicht indisponiert ansagen, konnte aber dennoch überzeugen. Inga-Britt Anderson als Musetta und Paul Brady als Marcello waren hervorragend besetzt. Und wirklich umgehauen hat mich Benjamin LeClairs (Colline) Interpretation der „Mantelarie“.

Kommentare:

  1. Danke für deinen Bericht aus Oldenburg. Ich habe kürzlich die Salome aus Oldenburg als Gastspiel in Coesfeld gesehen. Auch das hat mich überzeugt.

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  2. Dann 'haue' ich auch mal 'in die Tasten', nachdem ich nunmehr die Bohème in Oldenburg gesehen habe. Die Aufführung am 11.12. war in einer Rolle anders besetzt als bei der von Sarah Maria besuchten: Mareke Freudenberg sang die Musetta (statt Inga-Britt Anderson); auch sie war gesanglich ausgezeichnet, jedoch ist sie m. E. wohl zu sehr 'höhere Tochter', als dass sie die vordergründig frivol-vulgäre Art der Musetta authentisch verkörpern könnte.
    Ansonsten finde ich Deine Beschreibung und (positive) Kritik der Inszenierung und musikalischen Darbietung ohne Einschränkung nachvollziehbar. Die gedrosselte Sentimentalität überzeugte durchweg!

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