Dienstag, 30. November 2010

Eine Orchesterprobe mit Otto Klemperer

©Sarah-Maria

Der Dirigent Otto Klemperer unterbrach einmal wütend eine Orchesterprobe und rief: "Die zweite Trompete ist viel zu laut!" Darauf gab der erste Trompeter zu bedenken: "Entschuldigen Sie, die zweite Trompete ist noch gar nicht da!" Klemperer erwiderte prompt: "Dann richten Sie es ihm aus, wenn er eintrifft!"

Montag, 29. November 2010

Die erste Oper der Welt

©Sarah-Maria
Die Oper ist in Italien in der Zeit der Renaissance entstanden. Denn damals orientierte sich nicht nur die Architektur und Malerei an den Idealen der Antike, sondern es gab auch einige Gelehrte und Künstler, die sich mit dem antiken griechischem Theater beschäftigten - von dem man wusste, dass es Musik und Text miteinander verbunden hat. Unter diesen Forschern befand sich auch der Musiker Vincenzo Galilei (übrigens der Vater von Galileo Galilei), der in seinen Schriften z.B. auch einige erhaltene antike musikalische Überreste publizierte.

Bald bildete sich um den italienischen Grafen Giovanni Bardi die „Camerata“ – eine Art Club, der sich für die Wiederbelebung des antiken Theaters einsetzte. Unter ihnen befand sich auch der Komponist Jacopo Peri. Er komponierte schließlich zwischen 1594 und 1598 die Musik zur ersten Oper: dem Stück Dafne. Der Text wurde von dem Dichter Ottaio Rinuccini verfasst, welcher demnach der aller erste Librettist der Geschichte ist. Uraufgeführt wurde diese erste Oper in Florenz, im Haus von Jacopo Corsi, der zu diesem Zeitpunkt das Oberhaupt der Camerata war und selbst auch einige Vorschläge zur musikalischen Gestaltung beigetragen hat. Eine komplette Abschrift der Oper ist heute leider nicht mehr erhalten – nur noch einige Fragmente. Dennoch ist zu erkennen, dass Peris Stück nicht sehr viel mit dem griechischem Theater gemein hatte, sondern eine neue Kunstform geschaffen wurde: die Oper.

Wenige Jahre später wurde Peris zweite Oper L‘Euridice anlässlich der Hochzeit von Heinrich IV. von Frankreich und der Prinzessin Maria de Medici im Palazzo Pitti (Florenz) aufgeführt. Das Orchester bestand aus einem Cembalo, einer Lyra, zwei Lauten und drei Flöten. Zudem gab es neben elf Solisten einen Chor und ein Ballett. 1607 wurde der Mythos um Orfeo und Euridice erneut von Monteverdi vertont (welche fälschlich oft als erste Oper in der Geschichte betitelt wird): in seinem Orchester waren bereits 33 Instrumente vertreten.

Doch auch schon vor den ersten „richtigen“ Opern gab es z.T. aufwändig gestaltete Singspiele: Im Mittelalter wurde dem Volk z.B. anlässlich großer kirchlicher Festtage durch Mysterienspiele der Inhalt der Bibel näher gebracht. Später etablierte sich eine weitere Form: die Pastorale oder Hirtenspiele, zu denen gemeinhin Lieder und Chöre gehörten. Einige typische Elemente wurden später von der Oper übernommen: Verwechslungsspiele, Einschübe von komischen Nebenfiguren oder auch das Happy End haben in den Hirtenspielen ihre Wurzeln. Etwa zeitgleich entwickelte sich der Brauch die Pausen von Theaterstücken mit kurzen Intermezzi zu füllen. In der ältesten Form (Madrigalkomödien) dieser „Mini-Opern“ gab es die Besonderheit, dass zwischen dem Chor und den Protagonisten nicht unterschieden wurde. Es wurde immer alles Mehrstimmig gesungen. Bei den Adeligen wurden in den Intermezzi meist antike oder komische (die Haupthandlung nicht betreffende) Themen gewählt, während sich in der Kirche oftmals für allegorische Darstellungen von Figuren wie die Seele, der Körper, der Verstand, die Zeit oder die Welt entschieden wurde. Diese sinnbildlichen Figuren debattierten singend über die Prioritäten im Weltgeschehen.

Jene inhaltliche Form blieb noch lange etabliert: In Mozarts erster Oper „Die Schuldigkeit des ersten Gebots“ (1767) treten z.B. neben einem „lauen und hinnach eifrigen Christen“ die Barmherzigkeit, die Gerechtigkeit, ein Christgeist und ein Weltgeist auf. Das Stück war eine Auftragsarbeit und alle drei Teile wurden von unterschiedlichen Komponisten geschrieben. Allerdings ist nur die Komposition von Mozart bis heute erhalten. Er schrieb das Stück mit elf Jahren. Einige Jahre später (1775) schrieb Mozart mit „Il re Pastore“ außerdem ein Stück, welches inhaltlich an die Hirtenspiele erinnerte.

Das Wort „Oper“ hat sich übrigens erst Mitte des 17 Jahrhunderts etabliert und bedeutet eigentlich nix anderes als Werk. Zuvor nannte man Opern einfach „Drama per Musica“ oder „Favola in Musica“ (Favola = Fabel). Das Wort „Inszenierung“ geht ursprünglich auf das griechische „skene” zurück, was so viel wie „Zelt” oder „Hütte” bedeutet. So wurde im antiken Theater das hölzerne Hintergrundgebäude im Anschluss zur Bühne bezeichnete.

Auf eine spektakuläre Inszenierung wurde schon in der Geburtsstunde der Oper Wert gelegt: Eine komplizierte Bühnenmaschinierie machte es möglich, dass Götter, Musen, usw. aus dem Nix auftauchen konnten oder Bühnenbilder im Nu wechselten.

Quellen:
Batta, A. (Hrsg.): Opera – Komponisten, Werke, Interpreten. Köln: Könemann Verlagsgesellschaft mbH, 1999.
Der Brockhaus: Oper. Gütersloh: Brockhaus in der Wissenmedia, 2002.

Dienstag, 23. November 2010

Gottfried Semper und seine berühmten Barrikaden

©Sarah-Maria
Im Zuge der deutschen Revolution von 1848/49 kam es in Dresden zu schweren Straßenschlachten. Gottfried Semper, Architekt der berühmten Semper-Oper, beteiligte sich Seite an Seite mit anderen Intelektuellen wie z.B. Richard Wagner oder Michail Bakunin an den Aufständen. Er war damals Professor für Architektur an der Königlichen Akademie der bildenden Künste zu Dresden und schon damals ein berühmter Mann: die Bauarbeiten des von ihm entworfenen Dresdener Hoftheaters wurden bereits 1841 abgeschlossen.

Während der Straßenkämpfe nahm Semper die Barrikaden genauer unter die Lupe und stellte fest, dass sie kaum einem Kampf standhalten würden. Er ließ sie kurzerhand umbauen. Unter seiner Leitung entstand auch die Hauptbarrikade in der Wilsdruffer Gasse, die schon damals als „Semper-Barrikade“ berühmt berüchtigt war. Denn sie konnte letztendlich nur bezwungen werden, indem die Truppen der Regierung die umstehenden Gebäude z.T. einrissen. Semper selbst hatte das Kommando über die Barrikade Nr. 13 unweit seiner Wohnung in der Waisenhausstraße inne.

Während der Kampfhandlungen brannte übrigens das am Zwinger ansässige barocke Pöppelmannsche Opernhaus nieder. Es war zum Zeitpunkt seiner Erbauung mit 2000 Plätzen das größte Theater in Deutschland. Es wurde in der Nacht des 6. Mais, wahrscheinlich aus taktischen Gründen, angezündet. Wagner soll dies folgendermaßen kommentiert haben: „Man sagte mir, es sei, um einen gefährlichen Angriff der Truppen von dieser bloßgelegten Seite zu begegnen und zugleich die berühmte Sempersche Barrikade vor einer übermächtigen Überrumplung zu schützen, aus strategischen Gründen in Brand gesteckt worden: woraus ich mir entnahm, daß derlei Gründe in der Welt ein für allemal mächtiger als ästhetische Motive bleiben, aus welchen seit längerer Zeit vergeblich nach Abtragung dieses häßlichen, den eleganten Zwinger so arg entstellenden Gebäudes verlangt war.“ In der Nacht vor dem Brand saß Wagner nahe der Hauptbarrikade auf dem Turm der Kreuzkirche und beobachtete die Truppenbewegungen der Regierung.

Semper, Wagner und viele andere mussten nach der Niederschlagung der Aufstände fliehen. Aber schon 1852, drei Jahre nach den Straßenkämpfen, soll Semper beklagt haben: „Was habe ich denn 48 getan, dass man mich ewig verfolget? Eine einzige Barrikade habe ich gebaut – hat aber standgehalten, weil sie practisch war und weil sie practisch war, war sie schön.“ Doch selbst nachdem das von ihm erbaute Dresdener Hoftheater 1871 niederbrannte und er auf Drängen der Bevölkerung gebeten wurde ein neues Gebäude zu entwerfen, wurde der Haftbefehl dennoch nicht aufgehoben. Semper entwarf zwar die Pläne für das neue Opernhaus, die Bauarbeiten leitete jedoch sein ältester Sohn. Semper durfte die Stadt nicht betreten und hat daher seine berühmte (zweite) Semperoper niemals gesehen.

Sonntag, 21. November 2010

Der Kaiser von Atlantis – Staatstheater Oldenburg

©Ira Schulte
Ein Krieg wird ausgerufen: Alle gegen alle. Doch der Tod entsagt diesem ziellosen Kampf und verweigert allen Beteiligten seinen Dienst. Die Figuren können weder leben noch sterben.

Die Protagonisten befinden sich in einer grausam bedeutungslosen Zwischenwelt, in der alles ist und es doch keinerlei Handlungsspielraum gibt. Handeln ist kein Willensakt mehr, sondern eine externe Unmöglichkeit. Jedes Tun, jede Bewegung scheint absurd und sogar überflüssig. Die Musik ist beklemmend und suchend – wie eine Erinnerung an eine Harmonie. Eine Erinnerung, die angesichts des Grauens nicht mehr zum Leben gehört. Sich jenseits davon befindet. Sie spielt mit Motiven und Ideen, ohne sie jemals auflösen zu können. Zu heroischen Wahnvorstellungen des Kaisers, er könne den Tod doch noch besiegen, ertönt Swing – ohne einer zu sein. Der Tod tritt auf und  besteht auf die Sinnhaftigkeit seiner Selbst als Gärtner des Lebens. Der Kaiser von Atlantis legt sich ihm in den Schoß und die einzig wirkliche Arie erklingt. Zu seinem Tod erheben sich sakrale Gesänge, während eine Geige endlos um Erlösung flehend fidelt. Sterben ohne Tod.

Der Komponist Viktor Ullmann schrieb das Stück im Jahre 1943/44 in Theresienstadt. Wenige Monate später wurde er in Auschwitz ermordet. Er selbst konnte die Aufführung seiner Oper nicht erleben. Die untrennbar mit diesem Stück verbundenen geschichtlichen Ereignisse werden in der Oldenburger Inszenierung aufgegriffen, ohne sie in den Vordergrund zu stellen. Es bleiben Zitate, die als gemeingültige Metaphern bestehen können: Der Harlekin, in einem Meer von Kleidungsstücken hockend, definiert den Beginn eines neuen Tages nur noch danach, ob er seine Kleidung gewechselt hat. Der Trommler – eine Frau – hat trotz Messern im Unterleib und aufgeschnittenen Pulsadern andauernde Wehen, während der Kaiser mit seinem Haustier kuschelt. Ein Lautsprecher verkündet und unterstreicht alle Ereignisse, fast wie ein Prä-Brecht’scher V-Effekt. Berge von Kleidern erheben sich gen Himmel. Herabhängende Kieselsteine, die traditionell auf jüdische Gräber gelegt werden, befinden sich über der gesamten Szenerie.